Zum Tod des amerikanischen Filmregisseurs Bob Rafelson

Zum Tod des amerikanischen Filmregisseurs Bob Rafelson
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Um zu verstehen, wie langsam Kino sein kann und wie sehr es, ganz wider seine Natur des Zeigens, sich auf das Erzählen verlassen kann, muss man sich nur die etwa sechs Minuten lange Close-Up-Szene mit Jack Nicholson als Radiomoderator in Bob Rafelsons „The King of Marvin Gardens“ (1972) ansehen, in der er in seiner Rolle des David Staebler erzählt, wie er als Kind zusammen mit seinem Bruder den Großvater willentlich dem Ersticken an einer Fischgräte überließ. Wie es dann ausging, erfahren die Zuschauer aber auch nach sechs Minuten noch nicht, weil im Radio eine musikalische Unterbrechung erfolgt und David vor Wut die Sendung vorzeitig beendet.

Vielleicht ist diese Unterbrechung auch eine Art Witz des Regisseurs Rafelson, der damit sagt: Seht her, auch ganz ohne dramatische Bilder kann man Spannung erzeugen. Wobei Spannung wohl eher nicht der Begriff ist, der einem angesichts von Rafelsons besten Filmen zuerst einfällt: Sie haben, erst recht aus heutiger Sicht, auch unglaubliche Längen, halten Schweigen aus, wie es in heutigen Kinokategorien zumeist unmöglich geworden ist. Eher haben sie etwas gemein mit jenem „entdramatisierten Erzählen“, das Peter Handke im Buch und zusammen mit Wim Wenders auch auf der Leinwand geprägt hat.

The Song of the Drifters

„The King of Marvin Gardens“ is in dieser Manier ein amerikanisches Filmepos, das uns zum Beispiel sehr lange, wortlos, Ellen Burstyn an einem Strandfeuer zeigt, die mit verzweifeltem Blick ihre Haare abschneidet und in die Flammen wirft. Und ein anderes Epos Rafelsons, „Five Easy Pieces“ von 1970, zeigt Jack Nicholson in einer Art Lebensbeichte gegenüber seinem Film-Vater, wobei man nie weiß, was davon bei diesem noch ankommt, der nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt. Rafelsons Filme sind auch Rätsel, die oft nur Teile eines Bildes präsentieren, das sich erst allmählich zusammensetzt.

Ist es Liebe, or muss der Mensch allein bleiben?  Jack Nicholson and Karen Black in „Five Easy Pieces“ (1970)


Ist es Liebe, or muss der Mensch allein bleiben? Jack Nicholson and Karen Black in „Five Easy Pieces“ (1970)
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Picture: Picture Alliance

„Five Easy Pieces“ kann man ins Genre des „Drifter Movie“ einordnen: Es zeigt, deutlich inspired von Romanen (Kerouac) und Musik (Dylan) einen rastlosen Menschen unterwegs, hier im deutschen Filmtitel auch gleich unsubtil erklärt: „Ein Mann sucht sich selbst“. Der englische Titel hat mehr Resonanzraum: Die „pieces“ sind einerseits Musikstücke, wie sie Nicholsons Figur des Robert Dupea als Sproß einer Washingtoner Musiker-Familie gelernt hat und, angeblich emotionslos, ab und zu noch spielt, aber es sind, programmatisch gesagt, eben auch nur Bruchstücke aus seinem Leben und dem seiner von ihm mies behandelten Freundin (Karen Black), die uns der Film zeigt – teils unterlegt mit den angesichts seiner Selbstzentriertheit und des deprimierenden Endes zynisch wirkenden Countrymelodien von Tammy Wynette („Stand By Your Man“) .

Bildstärkste Films of the amerikanischen Kinos

Dass Rafelson immer auch musikalisch dachte, erklärt sich zudem aus seiner Tätigkeit als Produzent, die der des Regieführens vorausging: So gründete er 1965 eine Produktionsfirma und schuf bald darauf die erste fürs Fernsehen gecastete Popgruppe The Monkees. Später produzierte er auch Dennis Hoppers zum Kultfilm avancierten „Easy Rider“ (1969) und Peter Bogdanovichs „Last Picture Show“ (1971).

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