Warum laufen im Kino vermehrt wieder Filmklassiker?

Warum laufen im Kino vermehrt wieder Filmklassiker?
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Filme können kleine Zeitkapseln sein, die uns nicht nur viel darüber erzählen, wie die Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt war, sondern auch, was man zu genau diesem Zeitpunkt über die Zukunft dachte. Das stellte im Frühjahr, als die Kinos nach der Pandemie wieder öffneten, eine Freundesgruppe in Leipzig fest, die sich Tickets für Paul Verhoevens „Total Recall“ gekauft hatte. Alle waren sie Anfang dreißig, also jünger als der Film selbst, der 1990 zum ersten Mal in die Kinos kam. „Gerade diese Actionblockbuster der frühen Neunziger, die laut und knallig sind und mit Spezialeffekten protzen, sind ja für die große Leinwand gemacht“, sagte ein junger Mann und bestätigte, dass keiner seiner Freunde den Science-Fiction-Klassiker zuvor jemals im Kino gesehen hatte . Nach dem Erlebnis klopften sie dann in reger Diskussion den Filmstoff über die Macht von Großkonzernen und Rebellionen auf dem besiedelten Mars auf seine Aktualität ab.

Dass der Film im Jahr 2022 kurz im regulären Programm eines Leipziger Multiplex-Kinos auftauchte, liegt an einem Trend, den aufmerksame Kinoprogrammleser bereits seit einigen Monaten in ihrer Stadt beobachten können: Von David Lynchs „Mulholland Drive“ (2002) über Luc Bessons „Leon , der Profi“ (1996) bis zu Federico Fellinis „La Dolce Vita“ (1960), der jetzt wiederaufgeführt wurde, geistern plötzlich Filme durch die Programme, die Filmliebhaber zuvor nur in Programmreihen von Filmmuseen oder Cinematheken fanden.

Bereits seit November 2021 holt etwa der Verleih Studiocanal in der Reihe „Best of Cinema“ monatlich ausgewählte Klassiker zur Wiederaufführung aus dem Archiv. Die Reihe sei eine Initiative vonseiten verschiedener Kinobetreiber, heißt es auf Nachfrage beim Verleih. Als während der Pandemie die Neustarts ausblieben, griff man auf Klassiker zurück. „Nach viel positiver Resonanz auf Repertoireeinsätze während der Corona-Lockdowns wollten die Kinobetreiber gerne einen neuen Fokus setzen“, so Studiocanal. Rund 300 Kinos in Deutschland zeigen jeweils die ausgewählten Filmklassiker. Die Auswahl der Titel erfolge gemeinsam mit den Betreibern. Sie haben ihr Publikum im Blick, sodass der Fokus hier etwas mehr auf Kultfilmen und Klassikern liege, als das zum Beispiel bei den Re-Releases von restaurierten Filmklassikern der Fall sei, so Studiocanal.

Doch diese Reihe ist nicht der einzige Grund, dass vermehrt Klassiker im aktuellen Kinoprogramm laufen. Manche Filmverleiher nehmen auch Jubiläen oder Geburtstage der Filmemacher zum Anlass, Archivmaterial zu restaurieren und abermals einem breiteren Publikum anzubieten. Eine, die Archivschätze auf solche Daten hin sichtet, ist Andrea Kalas. Sie ist Direktorin des Filmarchivs bei Paramount, arbeitet seit 2009 für das amerikanische Filmstudio mit angeschlossenem Verleih. Vor rund fünf Jahren begann sie mit dem Restaurationsteam das Jubiläum des Mafiafilmklassikers „Der Pate“ von Francis Ford Coppola vorzubereiten.

1972 kam der Film zum ersten Mal in die Kinos, seitdem entwickelte er sich zum Kult, ist Referenzpunkt der Pop- und Filmkultur geworden. Das 50. Aufführungsjubiläum wollte man also als Grund gelten lassen, eine neu restaurierte Fassung nicht nur als DVD-Sonderedition herauszubringen, sonder diese auch im Kino zu zeigen. „Diese Filme werden sonst nur in Cinematheken oder Filmschulen aufgeführt. Wer den ‚Paten’ noch regulär im Kino gesehen hat, wäre heute wohl um die 75 Jahre alt. Es gibt also ein großes Publikum jeden Alters, das diesen Film nun zum ersten Mal auf großer Leinwand sehen konnte“, sagt Kalas im Gespräch mit dieser Zeitung.

Unterstützung bekam sie dabei von James Mockoski, Archivar bei Francis Ford Coppolas eigenem Produktionslabel Zoetrope. „Coppola arbeitete damals für ‚Der Pate’ unter Vertrag von Paramount, daher gehörten die Rechte dem Studio im Gegensatz zu den Filmen, die er später für sein eigenes Label Zoetrope produzierte“, erklärt Mockoski. Der Regisseur Coppola ist bekannt dafür, sämtliches Material seiner Filme aufzubewahren und diese Jahre später noch einmal in überarbeiteten, längeren Neufassungen herauszubringen.

Bei der Arbeit an „Der Pate“ galt es für Kalas’ Team, größte Sorgfalt walten zu lassen. „Damit fängt jeder Restaurationsprozess an: eine Generalinspektion des vorhandenen Materials. Wenn man dabei feststellt, dass der Film an einigen Stellen gerissen ist oder beschädigt, dann soll er beim weiteren Bearbeitungsprozess natürlich nicht noch größeren Schaden nehmen, schließlich ist es ein Artefakt, das man beschützen muss“, so Kalas.

Gemeinsam mit Chemikern und Audioexperten arbeiteten sich Kalas und Mockoski Szene für Szene durch den Film. „Auf den Negativen ist immer mehr zu sehen, als die Leute sonst zu Gesicht bekommen“, schwärmt Mockoski. „Meine Lieblingsszene ist die Zollstation, an der Sonny von Maschinengewehrsalven durchsiebt wird“, sagt Kalas mit Blick auf den ikonischen Auftritt des jüngst verstorbenen James Caan, der in jener Szene als ältester Sohn des New Yorker Paten Corleone im Kugelhagel feindlicher Familienclans stirbt. „Außerhalb der Kadrage, also außerhalb des für den Film gewählten Bildausschnitts, kann man auf dem Originalfilmmaterial noch die Effektleute sehen, die Kugeln in die Windschutzscheibe des Autos schießen.“

Wie groß die Fangemeinde des Paten auch heute noch ist, zeigte sich beim Blick auf die Zuschauerzahlen. Als „Der Pate“ Ende Februar in 156 amerikanischen Kinos wiederaufgeführt wurde, war er dort der meistverkaufte Film jenes Wochenendes. Auch bei Studiocanal bestätigte man, dass große Re-Releases „durchaus fünfstellige Besucherzahlen machen können“. Eine generelle Aussage könne man jedoch aufgrund der Bandbreite der Titel nicht für alle Wiederaufführungen treffen, hieß es zurückhaltend, die Klassiker folgen anderen Regeln als Neuerscheinungen. In Zeiten, in denen die Kinos noch lange keine Besucherzahlen wie vor der Pandemie verzeichnen, scheint die Wiederaufführung von Klassikern ein Experiment beim Buhlen um die Zuschauergunst.

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