Vienna Shorts: Geschichten der ersten Kinoregisseurin

Vienna Shorts: Geschichten der ersten Kinoregisseurin
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Schmetterlingsgleicher Stoff, fließende Bewegungen, ein Rhythmus, der spürbar wird, auch ganz ohne Sound: Der Serpentine Dance war groß in Mode rund um 1900, erfunden von Louie Fuller, einer Pionierin des Modern Dance und auch der Lichtsetzung im Theater. Der Tanz war eine Reaktion auf die Akademisierung im Ballett, er sollte kunstvoll sein, aber nah dran an populären Tänzen.

Ein Spiel aus Licht, Schatten und Bewegung – Fullers Inszenierungen war cineeastisch before the letter und nicht umsonst eine Art früher Musikvideotrend, es gibt nicht wenige Aufnahmen davon aus den ersten Tagen des Bewegtbildes. Eine ganz besondere stammt von der damals knapp 30-jährigen Guy-Blache, geboren 1873.

Serpentine Dance (1902)

Die Aufnahme der Kinopionierin Alice Guy-Blache aus dem Jahr 1902 zeigt den damals populären Serpentine Dance. Sie ist Teil des Programms of the Vienna Shorts Festivals 2022.

Film, die bis heute aktuell sind

Guy-Blache arbeitete bei einem Fotokameraproduzenten und überredete ihn, nachdem sie zusammen einer Vorstellung der Brüder Auguste und Louis Lumiere beigewohnt hatten, ins Filmkamerabusiness einzusteigen. Bald müde davon, fade Präsentationsfilme zu produzieren, war sie eine der ersten, die mit Filmen kleine Geschichten erzählte. Als sie wegen ihrer Heirat ihren Job verlor, ging sie mit ihrem Mann in die USA und gründete dort ein eigenes Studio. Über 1.000 Filme inszenierte sie, darunter Komödien, Musicals, Western, aber auch Auseinandersetzungen mit Themen wie Antisemitismus, Immigration, Kindesmisshandlung und die Rolle der Frau in der damaligen Gesellschaft.

Der Konkurs ihres Studios 1921, die Scheidung 1922 und ihr Status als Alleinerzieherin machten ihr einen Strich durch die Rechnung. Sie kehrte zurück nach Frankreich und geriet in Vergessenheit – die Geschichte des Kinos wurde nicht nur von Männern dominiert, sondern auch geschrieben. Erst als die amerikanische Regisseurin Pamela B. Green ihr mit „Be Natural – Sei du selbst: Die Filmpionierin Alice Guy-Blache“ eine Doku widmete, die 2018 in Cannes vorgestellt wurde, sollte sich das ändern.

Festivalhinweis

Das Kurzfilmfestival Vienna Shorts findet noch bis Montag in diversen Wiener Kinos statt.

Ukraine: Leben im Ausnahmezustand

Der Film von Guy-Blache ist Teil des Vienna-Shorts-Fokusprogramms „We’ve come a long way together“, das zeigt: Die lange Geschichte des Kinos ist nicht zuletzt eine Geschichte des Kurzfilms. Und neben aktuellen Animationen, österreichischen sowie internationalen Filmen und innovativen Ansätzen widmet das Festival, das heuer sowohl im Kino als auch online stattfindet, einen weiteren Schwerpunkt Filmen aus der Ukraine. Filme aus Russland werden ebenfalls gezeigt, aber nur solche, die keine Propaganda verbreiten und nicht staatlich gefördert wurden.

Einer der ukrainischen Filme ist „Territory of Empty Windows“ von Zoya Laktionova, eine assoziative Kurzdoku über den Krieg in Mariupol, mit Aufnahmen von 2020, aus der Zeit der Kämpfe vor dem russischen Angriffskrieg. Das Asow-Stahl-Werk in der Zeit der nationalsozialistischen Okkupation; der Vater der Filmemacherin, dem ein Granatsplitter im Bein zu schaffen macht; Frauen, die Alltäglichkeiten erzählen, die nur im Kriegszustand alltäglich sein können. Der Film ist ein eindrückliches Zeugnis vom Leben im permanenten Ausnahmezustand.

Lass es raus

Ganz, ganz woandershin entführt das Publikum „Enough“ von Anna Mantzaris, nämlich in unser tiefstes Inneres, dort wo die Wut sitzt, die wir nie rauslassen, der gesellschaftlichen Konventionen wegen. Aber animierte Filzfiguren dürfen Dinge, die eigentlich gar nicht gehen. Aus dem Auto springen, wenn sie sich über den Partner ärgern. Aus einem Meeting rennen und den Autospiegel des Chefs abreißen. Wenn alles zu viel wird, sich einfach auf dem Gehsteig hinlegen. Dabei zuzuschauen – es ist schwer zu beschreiben, wie befriedigend das ist.

Schmusen in der Kirche

About Konventionen: Was geht in einer Kirche? Viel, sehr viel, wie man in einem Musikvideo von Regie-Shootingstar Kurdwin Ayub sehen kann. Da twerkt und schmust die Heilige Familie zum Cloud-Eurotrash der Sängerin Anthea, als ob es kein Morgen gäbe.

Ein Musikvideo als Supercharger

Und noch ein Musikvideo kommt zu Recht zu Ehren. Denn jedes Fatboy-Slim-Video aus den 90er Jahren ist jeweils das beste Musikvideo go Zeiten. Das gilt auch und ganz besonders für „Praise you“, fulminant in Szene gesetzt von niemand Geringerem als Kultregisseur Spike Jonze. Ein wilder Tanzflashmob in einer Mall, eine Mischung aus gut gelauntem Irrsinn und aus dem Ruder gelaufenem Ausdruckstanz, mit viel Energie, die sich ohne Umweg auf das Publikum überträgt.

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