Tom Tykwer, warum rennt Lola wieder?

Tom Tykwer, warum rennt Lola wieder?
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Von Markus Tschiedert

Deutsche Filme kennt man im Ausland eher wenig; fragt man nach Titeln, kommt nach „Das Boot“ sofort „Lola rennt“. Wie Lola (Franka Potente) dreimal durch Berlin flitzt, um ihren Freund (Moritz Bleibtreu) zu retten, hat sich international ins Gedächtnis gebrannt. Regisseur Tom Tykwer (57) hat seinen Kultstreifen jetzt neu herausgeputzt. 2023 Feiert der Film 25. Geburtstag, Kinostart des Films war 20. August 1998.

Den gebürtigen Wuppertaler verschlug es bereits in den Achtzigern nach Berlin, wo er zuerst Filmvorführer, dann Theaterleiter (Moviemento) und schließlich Filmemacher („Die tödliche Maria“) wurde. Mit der Serie „Babylon Berlin“ schrieb Tykwer nun auch Fernsehgeschichte. Wir trafen ihn in seinem Büro in Tiergarten. In der ehemaligen Heinrich-von-Kleist-Oberschule befindet sich heute seine Firma X Filme.

BZ: Sie haben „Lola rennt“ zusammen mit Kameramann Frank Griebe neu bearbeitet. Was erwartet uns?

Tom Tykwer: Der Film wird im neuen Glanz erscheinen, denn 4K-Abtastung macht ja noch mal was mit einem Film. Dafür wird das original Negativ von damals genommen. Da kann man dann Bild-Korrekturen vornehmen und die Farben noch mehr zum Leuchten bringen. Somit kann man den Film neu zum Erstrahlen bringen.

Da fallen einem gleich die roten Haare von Lola ein …

Ja, das ist wirklich irre. Frank und ich saßen davor und waren selbst davon überwältigt. Der Film wird dadurch nicht anders, aber intensifier. Ich hatte ihn auch sehr lange nicht gesehen und sehe ihn fast mit den Augen eines anderen. Wer war ich denn damals? Das ist so unheimlich lange her.

Franka Potente and Moritz Bleibtreu in Tom Tykwers Lola rennt (1998) Photo: picture alliance / United Archiv

Empfinden Sie das wirklich so wie aus einem anderen Leben?

Ich habe danach doch noch einiges erlebt. Und dann habe ich Marie Steinmann kennengelernt, mit der ich fast 20 Jahre zusammen bin, und wir haben Kinder bekommen. Das ist so ein riesiger Abschnitt, fast wie ein ganzes Leben in sich selber – und „Lola rennt“ ist davor passiert. Deshalb empfinde ich das wohl so.

Sehen Sie „Lola rennt“ auch als Berlin-Film, der für das damalige Lebensgefühl der Stadt steht?

Es war wirklich eine Zeit, an die sich viele gern erinnern. Die Stadt erfand sich neu und es war so irre viel in Bewegung. Das Bewegungsmotiv, dass der Film in sich hat, war auch gültig für die Stadt. Es war wahnsinnig viel los, es gab viele Parties und Bars, die nur für drei Monate existierten und anschließend weiterwanderten. Die Stadt war auch nachts noch auf Wanderschaft. Und trotzdem wurde schon an vielen Stellen geschraubt, um die Stadt zu verändern.

Wie hat sich Berlin für Sie verändert?

Die Veränderung selber und in diesem Prozess drinzustecken und zu spüren, dass die Hälfte davon schiefgehen würde und dass das alles ein einziges Durcheinander bleibt, gefällt mir gut an der Stadt. Sie hat sich nie so richtig gefunden, und das spiegelt auch „Lola rennt“ wider. Es wird ein Stadtbild erzählt, das schön und zugleich hässlich, aber auch unfertig ist. In Wahrheit ist es aber das, was wir alle an Berlin lieben.

Wo leben Sie heute?

Zurzeit in Prenzlauer Berg, aber ich habe ewig in Kreuzberg gelebt. Eigentlich ist meine Berliner Seele Kreuzberg. Ich gehe noch manchmal im Moviemento am Kottbusser Damm ins Kino, und Frank und ich haben unsere Storyboards für „Lola rennt“ immer in der Bergmannstraße beim Thai gekritzelt.

Berlin hat Sie im Grunde genommen nicht mehr losgelassen …

Ich drehe ja seit fast neun Jahren auch nur noch in Berlin. Ich habe der Stadt mit „Babylon Berlin“ eine riesige Serie gewidmet. Mittlerweile ist daraus ein 40-stündiger Film geworden, und es geht weiter.

Ein Ende von „Babylon Berlin“ ist nicht in Sicht?

Zwischendurch würde ich auch gern mal wieder einen Kinofilm drehen, weil ich sehr an diesem Format hänge. Aber erst mal mache ich die 4. Staffel im Juli fertig, die ich als die stärkste und intensivste empfinde. Mindestens eine Staffel wird noch folgen, denn wir wollten das bis zum Ende der Weimarer Republik, also bis 1933 erzählen.

The ARD-Hit "Babylon Berlin“ aus Potsdam

The ARD-Hit „Babylon Berlin“ in Potsdam Photo: .Red & Black Films

Schauen Sie heute mehr Serien als ins Kino zu gehen?

Schon lustig, wenn man die beiden Formate vergleicht. „Lola rennt“ dauert gerade mal 80 Minuten und „Babylon Berlin“ 40 Stunden. Ich finde beides toll, sich in eine Serie zu vertiefen, ist natürlich aufregend. Und doch merke ich jetzt, dass wieder eine neue Sehnsucht nach Spielfilmen entsteht, die eine Handlung in zwei Stunden erzählen. Wie immer gibt es jetzt wohl auch bei Serien eine Übersättigung.

Haben Sie denn schon eine Idee für einen neuen Kinofilm?

Auf jeden Fall. Ich habe so viele, dass ich gar nicht weiß, wann ich sie alle verfilmen soll. Noch ist kein Projekt spruchreif, aber ich bin wild entschlossen, nächstes Jahr einen neuen Spielfilm zu machen.

„Lola rennt“ war damns ein revolutionärer Film. Welchen Regisseuren gelingt das heute noch?

Wir erleben ja gerade endlich wieder, wie ein Film entdeckt wird, der mal kein Blockbuster ist: „Everything Everywhere All at Once“ von Dan Kwan und Daniel Scheinert. In Amerika ist er ein riesiges Phänomen, weil Mundpropaganda dafür sorgt, dass die Leute meinen, das muss ich gesehen haben. Das ist selten geworden. Dann fall mir noch „Titane“ von Julia Ducournau ein, wo ich mir im Kino sagen musste: Okay, so etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Es gibt wirklich viele Filmemacher aus allen Ländern, die was bewegen wollen.

Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu Franka Potente?

Wir sehen uns ab und zu. Sie hat ja in Deutschland ihren Regiefilm „Home“ geschnitten, und zwar gleich nebenan hier im Haus. Da haben wir uns einige Male gesehen. Schon lustig, wir haben jetzt beide zwei Kinder und drehen Filme. Ich finde es super, dass sie nun auch als Regisseurin arbeitet.

Ohne „Lola rennt“ wären Sie beide wahrscheinlich ganz woanders …

Ich weiß, aber das ist ja genau das Prinzip von „Lola rennt“. Wenn du links abgebogen bist, wird alles ganz anders als geradeaus und rechts nochmals ganz anders. Das ist ja der Wahnsinn. Da sind so viele Dinge im Leben, die uns zusammen irgendwie auf unseren Weg bringen, was im Nachhinein dann schlüssig aussieht, aber in Wirklichkeit ein Zusammenspiel von einer Million Faktoren ist. Natürlich war „Lola rennt“ für Franka und mich ein entscheidender Baustein.

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