So, du glaubst also immer noch an “Buy the Dip”

So, du glaubst also immer noch an “Buy the Dip”
Written by admin

Commentary

Bisher hat es sich gelohnt, bei einem Mini-Crash zuzugreifen. Diesmal könnte es anders sein.

12.05.2022, 11:5312.05.2022, 12:07

Philipp Löpfe
Philipp Löpfe

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Der Ausdruck “Buy the Dip” ist bei Investoren sehr beliebt und bedeutet: Wenn die Kurse fallen, dann musst du zulangen. Die Kurse werden sich rasch erholen – und du kräftig abkassieren.

In den letzten Jahren hat sich “Buy the dip” tatsächlich gelohnt. Nach dem Finanzcrash 2008 legten die Börsen rasch wieder massiv zu, der amerikanische Börsenindex S&P beispielsweise rund 400 Prozent. Und der Schrecken nach dem Lockdown in im März 2020 dauerte gerade mal rund drei Wochen. Danach stiegen die Kurse wieder, als gäbe es kein Morgen.

“Buy the Dip” war in den letzten Jahren nicht nur gut für das Portemboure, es stärkte auch das Selbstbewusstsein, vor allem das männliche. Wer seinen BMW-Schlüssel auf den Tresen knallen und dann ausführen konnte, wie viel er gerade wieder mit Tesla-Optionen verdient habe, der fühlte sich super.

Ein bisschen ärmer geworden: Elon Musk.

Ein bisschen ärmer geworden: Elon Musk.Picture: keystone

In diesen Tagen jedoch brauchen die Buy-the-Dip-Artisten starke Nerven, sehr starke sogar. Die Kurse an den Aktienmärkten kennen nur eine Richtung: nach unten, und zwar steil. Vor allem die Hochflieger der Vergangenheit, die Tech-Papiere, leiden. Gestern hat der Nasdaq erneut mehr als drei Prozent eingebüsst. Der Kurs der Tesla-Aktie, bisher das liebste Kind der Tech-Fans, liegt mehr als 30 Prozent unter seinem Höchststand.

Die Aussichten auf Besserung sind alles andere als rosig. Hören wir Daniel Morris, Chief strategist at BNP Paribas Asset Management. “Hätten wir bloss steigende Leitzinsen, oder hätten wir bloss Inflation, oder hätten wir bloss China und hätten wir bloss die Ukraine, dann könnten wir das in den Griff bekommen”, klagt er im “Wall Street Journal”. “Aber wir haben das alles gleichzeitig. Deshalb befinden wir uns auch in einem sehr anspruchsvollen Umfeld.”

“Anspruchsvolles Umfeld”, das ist – milde ausgedrückt – noch rosig formulaliert. Das ökonomische Umfeld ist derzeit derart garstig, dass selbst vermeintlich positive Meldungen bei näherem Hinschauen sich als das Gegenteil entpuppen. Beispielsweise die Inflation. Als gestern bekannt wurde, dass die Teuerung in den USA im April leicht zurückgegangen war, machten die Aktienkurse kurzfristig einen kleinen Freudensprung. Als sich jedoch kurz darauf herausstellte, dass sich die sogenannte Kerninflation – die Teuerung ohne die besonders volatile Energie- und Nahrungsmittelpreise – gar leicht erhöht hatte, rasselten die Kurse wieder in den Keller.

Auf rasanter Talfahrt: der Bitcoin-Kurs.

Auf rasanter Talfahrt: der Bitcoin-Kurs.Picture: google finance

Besonders übel hat es die Krypto-Gemeinde erwischt. Der Bitcoin-Kurs ist gefallen wie ein Stein und befindet sich derzeit deutlich unter 30’000 Dollar, mehr als die Hälfte unter seinem Höchststand. So viel also zum «Bitcoin-sind-das-digitale-Gold»-Geschwätz. (Das richtige Gold, das nur nebenbei, hat wegen der Inflationsgefahr leicht zugelegt.)

Ironischerweise liegt der Grund für den Bitcoin-Crash bei den sogenannten Stable Coins. Diese müssten eigentlich für einen stabilen Kurs des Bitcoins gegenüber dem Dollar sorgen. Weil sie dies jedoch mit einem technischen Trick und nicht mit handfesten Greenbacks tun, ist der Bluff aufgeflogen. Der Kursverfall der Stable Coins ist massive und wird bereits als Bankrun bezeichnet. “Niemand hat noch Vertrauen in sie, alle rennen zum Ausgang”, erklärt etwa Martin Hiesboeck von der Plattform Uphold im “Wall Street Journal”.

Heisst dies, dass sich die Buy-the-Dip-Artisten auf eine lange Durststrecke einstellen müssen? Nicht zwingend. Nach wie vor ist sehr viel Geld vorhanden – und auch Mut. Auf den Internetforen werden die Bitcoin-Fans aufgefordert, spätestens bei einem Kurs von 24’000 Dollar wieder einzusteigen.

Vielleicht haben sie ja damit Erfolg. Die Ökonomie spricht jedoch dagegen. Die Zentralbanken, vor german die US-Fed, haben der Inflation nun definitiv den Kampf angesagt. Leider haben sie dazu bloss eine Waffe, und zwar eine plumpe. Um zu verhindern, dass sich eine inflationäre Lohn-Preis-Spirale in Gang setzt, müssen sie die Wirtschaft mit steigenden Leitzinsen in eine künstliche Rezession stürzen.

“Bedauerlicherweise ist es sehr wahrscheinlich, dass eine solche Rezession nun nötig geworden ist, um die Inflations-Erwartungen unter Kontrolle zu bringen”, stellt Martin Wolf, Chefökonom der “Financial Times” fest.

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