Schweizer Film «Last Dance» – Tanzt sich dieser Witwer in Locarno zum Publikumspreis? – Kultur

Schweizer Film «Last Dance» - Tanzt sich dieser Witwer in Locarno zum Publikumspreis? - Kultur
Written by admin


Inhalation

Ein Grosspapa is zum Tanzstar. “Last Dance” klingt konventionell, entpuppt sich aber als Film mit Gefühl. Das Schweizer Werk könnte in Locarno den Publikumspreis gewinnen.

Er tanzt. Nein: Er tänzelt, fuchtelt unrhythmisch mit den Handgelenken und trippelt sich ungelenk durch seine Trauer. Germain hat gerade seine Frau verloren. Aber anstatt sich still in seine Wohnung zurückzuziehen, probt der gealterte Herr mit Wohlstandsbäuchlein für eine Tanzaufführung. Grund dafür ist ein Versprechen.

Er und seine Frau Lise haben sich nämlich zugesichert, das Leben des anderen zu Ende zu führen – zumindest die zuletzt begonnenen Aufgaben. Nun muss der Witwer ran.

Germain, dargestellt vom wunderbaren François Berléand, tut das mit einer Nonchalance, die ihresgleichen sucht. Am Ende erobert er dadurch nicht nur die Herzen der Zuschauer, er wird auch zum Star des Tanzkollektivs.

Opa auf Heldenreise

“Last Dance” is einer von drei Schweizer Filmen, die es in diesem Jahr auf die Piazza Grande geschafft haben. Die belgisch-schweizerische RTS-Koproduktion erzählt die Geschichte einer Verwandlung: Ein Aussenseiter wächst durch die unfreiwillige Aufnahme in eine Gemeinschaft über sich hinaus.

Das mag konventionell klingen. Doch der Film besticht dennoch, vor allem durch seine Zwischentöne. Leise und ohne Effekthascherei erzählt Regisseurin Delphine Lehericey etwa den Konflikt Germains mit seinen Kindern. Diese überwachen ihren Vater nach dem Tod der Mutter wie sonst Eltern einen Teenager.

Legend:

Germain (François Berléand), ein beschaulicher und häuslicher Mann, wird unerwartet Witwer. Seine Kinder sorgen sich um dessen Wohlergehen. Doch er verfolgt einen ganz anderen Plan.

Box Productions

Das umgekehrte Rollenverhältnis sorgte beim Premierenpublikum regelmässig für Lacher. Spätestens, wenn der vom Enkel eingerichtete Natel-Klingelton, eine aufdringliche Melodie von den Space Invaders, die gut gemeinte Dauerüberwachung auf die Spitze treibt, ist ein Schmunzeln garantiert.

«La Ribot» spielt sich selbst

Schmunzelnd sieht man auch einer Grande Dame beim Arbeiten zu. Denn die Choreografin der Tanzgruppe ist keine Geringere als “La Ribot”. Eine spanisch-schweizerische Tanzkünstlerin, die auf der Biennale für ihr Lebenswerk mit dem Goldenen Löwen geehrt wurde.

Im Film spielt sie sich selbst. Das ist auch gut so, denn ihr Charisma nimmt die gelben Stuhlreihen auf der Piazza schlagartig ein.

Auch schön erzählt: Die Beziehung zwischen Germain und dem fünfzig Jahre jüngeren Tanzpartner Samir, gespielt von Berlinale-Shootingstar Kacey Mottet Klein. Die beiden finden ohne Mühe zueinander. Die Verbindung zwischen den altersungleichen Männern kommt ohne Erklärung aus, funktioniert völlig organisch.

Ein Mann und eine Frau schreien

Legend:

Um sein Versprechen gegenüber seiner verstorbenen Frau einzulösen, geht der Witwer an seine Grenzen.

Box Productions

Am Ende eines Lebens braucht es wohl nicht mehr viele Worte. Auch der Schmerz über den Tod erzählt sich still und unaufdringlich, über feine, beiläufige Momente.

Dass sie die Klaviatur der Gefühle beherrscht, zeigte Delphine Lehericey bereits in “Le Milieu de l’horizon”. Mit dem Familiendrama gewann sie 2020 den Schweizer Filmpreis.

Kitsch aus dem echten Leben

Auf den ersten Blick fast kitschig mutet an, dass Lise – als sie noch lebt – ihrem Mann Germain immer wieder lächelnd das Frühstück ans Bett bringt, auch nach einem halben Ehejahrhundert. Dabei schreiben sich die beiden gegenseitig Briefe.

Allerdings haben das die Grosseltern der Regisseurin genauso gemacht: Während die Grossmutter mit Covid in Quarantäne war, schoben sie sich tagtäglich Briefe unter der Türe hindurch – nach über 70 Ehejahren.

“Last Dance” is die Geschichte einer beinahe übergrossen Liebe. Viel mehr will sie nicht sein. Am Ende geht man mit einem Lächeln aus dem Kino.

Oftmals geht es schliesslich weniger darum, eine besonders origine Geschichte zu erzählen. Sondern darum, eine ganz einfache Geschichte auf besonders schöne Weise zu erzählen.

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