Revolut in Nöten – Inside Paradeplatz

Revolut in Nöten - Inside Paradeplatz
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In ihrem periodischen Risikobericht vom Juli rügte die UK Aufsichtsbehörde FRC (Financial Reporting Council) den Wirtschaftsprüfer BDO für die unakzeptierbare Qualität des Audits einer nicht näher genannten Finanzdienstleisterin.

Wie jetzt die Financial Times aus zuverlässigen Quellen erfahren hat, handelt es sich beim geprüften Unternehmen um die Mutter aller Mobile-Banken – Revolut.

Die Rüge kommt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Revolut muss stärker wachsen, die Konkurrenz der digitalen Neobanken schläft nicht.

Das Unternehmen benötigt dafür dringend eine vollwertige Banklizenz in allen Märkten und entsprechendes Kapital. Sollten die Finanzzahlen zum Geschäftsjahr 2021 im September nicht abgenommen werden, ist beides in Frage gestellt.

Bereits verlassen Manager das Schiff.

Die Entwicklung steht in starkem Kontrast zur bisherigen Erfolgsstory. Revolut erfreut sich grosser Beliebtheit – auch in der Schweiz.

Kärtchen zum Banking-Glück (IP)

Gemäss eigenen Angaben zählt das Fintech global 18 Millionen Nutzer, davon rund 450’000 hierzulande. Das sind mehr Kunden, als alle übrigen Schweizer Neobanken zusammen haben.

Die attraktiven Konditionen im Währungstausch haben Revoluts Debitkarten zum bevorzugten Zahlungsmittel in den Ferien gemacht.

Nun scheint aber nicht alles so kostenlos zu sein.

Im December 2018 erhielt Revolut von der litauischen Bankenaufsicht eine „spezialisierte Banklizenz“, mit der das Unternehmen Einlagen annehmen und Kredite vergeben kann.

Eigene Investmentprodukte darf Revolut mit dieser Lizenz aber nicht anbieten. In diesem Jahr sind 10 weitere Länder hinzugekommen.

Ausgerechnet in England, wo Revolut den Hauptsitz hat, bleibt die Bank „nur“ ein E-Geld-Institut – im Grunde also ein Serviceanbieter, der die Geldtransaktion vereinfacht, ohne auf die Verwaltung des Geldes Einfluss nehmen zu können.

Dieses Fintech-Modell war bisher allerdings der entscheidende Vaiguille gegenüber den traditionellen Banken. Man partizipierte an den Transaktionsumsätzen, ohne Kosten für Compliance und aufwändige Regulierung.

Darum konnte sich die traditionellen Banken kümmen.

Die Aufwände der Dienstleistung waren somit im Kern nicht substantial tiefer, nur trug sie ein anderer – ein bekanntes Muster digitaler Disruptoren, wie das Beispiel von Uber zeigt.

Das Taxifahren ist grundsätzlich immer noch gleich teuer. Man braucht einen Wagen, Benzin und einen Fahrer, der einen von A nach B fährt.

Obwohl die Technologie Angebot und Nachfrage effizienter zusammenbringt, besteht der effektive Kundennutzen letztlich im tieferen Preis, welcher auf dem Buckel der „selbstständigen Taxifahrer“ erzielt wird, die mit geringen Sozialleistungen zu Billigkonditionen mit ihren Privatwagen Leute umherchauffrieren.

Die „Taxifahrer der Finanzindustrie“ liessen sich dies nicht länger gefallen. Im Kampf gegen die neue Konkurrenz rüsteten sie auf mit Alternativprodukten.

Ihre grösste Waffe: die Banklizenz. Die Banken brauchten Revolut nicht zwingend, Revolut aber brauchte sie.

Mit anderen Worten: Revolut musste mit den Banken dorthin, wo Zalando mit den Schuhläden ging.

Um die Abhängigkeit von Banken zu reduzieren und eigene Zusatzdienstleistungen anbieten zu können, strebt Revolut nach vollwertigen Bankenlizenzen.

In England hat die Firma bereits im Januar 2021 den Antrag für eine Banklizenz bei der britischen Finanzmarktaufsicht FCA gestellt. Bis heute wartet sie jedoch auf eine Antwort.

Alternativen zu Lizenzen? Die hat Revolut kaum.

Die Neobank muss auf Gedeih und Verderben möglichst schnell stark wachsen. Nur eine dominant Marktposition zwingt die Banken, weiterhin mit dem Fintech zusammenzuarbeiten.

Der Wettbewerb ist gross. „Die Akquisition von Neukunden ist schwieriger und teurer geworden“, attestierte Anfang Jahr der Chef der Hipster-Neobank Yapeal Thomas Hilgendorff.

Neue Player wie Yuh! von Swissquote und Postfinance drängen auf den Markt, während Neon oder Zak schon beinahte in Vergessenheit geraten sind.

Für Verwunderung sorgte auch die UBS, welche nun doch nicht das US-Fintech Wealthfront kaufen will.

ist Kopierbar technology. Die Eintrittsbarrieren sind tief. Nutzerzahlen sind alles.

Allein in diesem Jahr stellten gemäss dem Researchhaus WhiteSight global 16 Neobanken ihre Aktivitäten ein. The Winner Takes It All – or anders ausgedrückt: der mit den tiefsten Taschen.

Revolut bleibt nichts anderes übrig als alles daran zu setzen, das Wachstum voranzutreiben. Fressen oder gefressen werden.

Kunden, die Revolut weiterempfehlen, wird derzeit eine saftige Belohnung ausgestellt. Das aktuelle Promotionsangebot beträgt 70 Franken pro Neukunden.

In den Vormonaten waren es auch schon mal 90.

Freunde lohnen sich (Revolut, September-Aktion)

Wer mit Blick auf seine revolutlosen Facebookfreunde bereits seine Kasse klingeln sah, hat sich zu früh gefreut. Die Freunde müssen innerhalb von 8 Tagen mit der physischen Revolutkarte 3 einzelne Einkäufe von mindestens 5 Franken tätigen.

Was auf den ersten Blick problemlos erscheint, stellt sich spätestens dann als problematisch heraus, wenn man die Karte nach 8 Tagen erhält.

Sorry, Frist verpasst, heisst es in der App – untermalt mit einem zerrissenen Herz. Offensichtlich sind die unechten Freunde am verpassten Giletgeld schuld.

Telefonische Nachfrager werden – unabhängig vom Tonfall – vom Roboadvisor emotionslos auf die Frequently Asked Questions verwiesen.

Dort steht unter „Wann erhalte ich meine Karte?“ Erstaunliches: Je nach Liefermethode kann es bei Standard- bis zu 10 Tage und bei Express-Lieferungen bis zu 5 Tage dauern.

Wer also nicht auf Freunde zählen kann, die alles daran setzen, die Revolutkarte so schnell wie möglich in den Händen zu halten, schaut in die Röhre.

Auch Krypto-Eseln hält Revolut ein Rüebli vor die Nase. Wer seine Coins künftig über Revolut handelt, erhält 15 Franken. Die Krypto-Handelsgebühren wurden kurzerhand um 20% gestrichen.

Wachstum über alles.

Die Expansion kostet. 2020 erzielte Revolut auf 222 Millionen Pfund Umsatz (250 Millionen Franken) einen Verlust von 168 Millionen (190 Millionen Franken)

Das verbrennt ordentlich Kapital.

Im Juli letzten Jahres investerte Softbank und Tiger Global in der bis anhin letzten Finanzierungsrunde 800 Millionen US-Dollar in das Fintech, was die Neobank auf eine Bewertung von schwindelerregende 33 Milliarden Dollar trieb, 6 Mal mehr als Ende 2020.

Revolut-CEO Nikolay Storonsky frohlockte: Wir haben genügend Geld für 2 Jahre. Gleichzeitig verkaufte er im grossen Stil eigene Aktien.

Selbst wenn die eingeschossenen 800 Millionen Dollar für zwei Jahre reichen sollten, heisst dies im Umkehrschluss, dass Revolut jährlich wohl gegen eine halbe Milliarde verbrennt und spätestens nächstes Jahr wieder Kapital aufnehmen muss.

Die Rede ist von 1.5 Billion Dollar. Dazu hat man den Verwaltungsrat verstärkt, mit Martin Gilbert, Ex-Co-CEO von Standard Life Aberdeen, sowie Michael Sherwood, Ex-Co-CEO von Goldman Sachs London.

Ein Börsengang wurde ins Auge gefasst. Im September 2021 meinte Storonsky: „Um einen IPO erfolgreich durchzuführen, bedarf es ein paar Millarden Umsatz.“

Obwohl die Umsatzmilliarde noch in weiter Ferne liegt, schien dies den Revolut-Chef nicht davon abzuhalten, im Mai dieses Jahres ein ganzes Investor Relations-Team zu rekrutieren.

Börsenerfahrung vorausgesetzt. Plattformen wie Equityzen bieten bereits Pre IPO-Anteile an Revolut an.

Doch die Zeiten für luftige Bewertungen sind vorbei. Technology-Aktien haben in den letzten zwölf Monaten deutlich Federn lassen müssen.

Die Finanzierung ist mit steigenden Zinsen schwieriger geworden. Der Anker-Aktionär Softbank kündigte vor einem Monat gar einen Rekordverlust von 23 Milliarden US-Dollar an.

Die FRC und FCA könnten zum Show-Stopper werden. Es wird sich zeigen, ob Revolut unter dem steigenden Druck, Wachstum zeigen zu müssen, es zuletzt nicht so genau genommen hat mit den Zahlen.

Von „aggressive revenue recognition“ and „undetected material misstatement“ ist die Rede. Zu deutsch: Revolut verbuchte mutmasslich Umsätze, die noch gar nicht angefallen sind, und führte Investoren womöglich in die Irre.

Der Ball liegt nun am Wirtschafsprüfer BDO, bei Revolut über die Bücher zu gehen.

Revolut NewCo: Wann kommen Zahlen? (gov.uk)

Dies geschieht zur Unzeit. End of September müsste die Revolut Group Holding und ihre Tochtergesellschaften (darunter Revolut Newco, Revolut FIC, Revolut Travel) dem Regulator die geprüften Zahlen einreichen.

Eigentlich hätte dies bereits im Juni erfolgen sollen. Verstreicht auch September ungenutzt, so drohen dem Finanzdienstleister Sanktionen.

Die UK-Banklizenz würde in weite Ferne rücken.

Solange wollten einigen Top-Manager der Neobank offensichtlich nicht warten: Sie sprangen von Bord.

Brisant vor dem Hintergrund der Buchhaltungs-Vorwürfe ist, dass die Abgänge vorwiegend im Risk & Compliance stattgefunden haben.

Zu den jüngsten Personalien zählten die UK und global Leiterin Regulatory Compliance Justine Wootton und der UK-Geldwäschereiverantwortliche Mathew Seneviratne.

Dann auch der global Chief Compliance Officer Harry Gill, die Leiterin Global Affairs and Wealth & Trading Deirdre Halligan sowie der Chief Revenue Officer Alan Chang und der Leiter Datenschutz: Sie alle warfen das Handtuck bereits früher im Jahr.

Revolution sieht anders aus.

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