Rennfahrerin Sophia Flörsch: «Eine Frau in der Formel 1 steht für eine moderne, vorwärts blickende Welt»

Rennfahrerin Sophia Flörsch: «Eine Frau in der Formel 1 steht für eine moderne, vorwärts blickende Welt»
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Die 21-jährige Sophia Flörsch strebt beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans einen Podestplatz an. Wir haben mit der jungen Rennfahrerin über ihre grossen Ziele und Erfahrungen im Motorsport gesprochen.

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Sophia Flörsch mit ihrem Rennauto.

Jan Beyer

Die 21-Jährige gilt als grosses Talent im Motorsport.

Die 21-Jährige gilt als grosses Talent im Motorsport.

Jan Beyer

Ihr Ziel: Die Formal 1.
ELMSphotography

Seit bald 100 Jahren findet jährlich das 24-Stunden-Rennen von Le Mans statt. Im Motorsport zählt es zum Kulturgut. Am Samstag, den 11. Juni, ist es wieder so weit – die Teams duellieren sich um den Sieg. Zum dritten Mal dabei ist Sophia Flörsch. Nach zwei Jahren in einem Dreier-Team aus Frauen fährt die 21-Jährige mit dem Team Algarve Pro Racing in der LMP2-Klasse. Wie sie im Gespräch mit 20 Minuten sagt, hat ihr Team grosse Ziele: “Wenn wir keinen Unfall haben, bestehen gute Chancen für ein Podium in der Kategorie Pro/Am-LMP2.” Beim Kultrennen gibt es insgesamt vier Renn-Klassen – ein Gesamt-Podest und dazu jeweils die Top 3 der Kategorien.

Seit sie vier Jahre alt ist, ist Flörsch im Motorsport unterwegs. Kein Wunder: “Motorsport ist mein Leben, meine Leidenschaft”, meint die Rennfahrerin. Ihr Ziel: ein Cockpit in der Formel 1. Flörsch: “Warten wir mal die nächsten zwei bis drei Jahre ab, oder?” In der Formel 3 war die junge Deutsche schon unterwegs. Als 17-Jährige kam es bei einem Rennen in Macau zu einem Horror-Crash. Videos des Unfalls, bei dem Flörsch infolge einer unverschuldeten Kollision bei über 250 km/h from Boden abhob, einen Fangzaun durchbrach und in einen Fotografenstand krachte, gingen um die Welt.

Einsatz in Formel 3 kein Marketing-Gag

Flörsch entging knapp einer Querschnittslähmung, verpasste die Saison 2019 komplett, doch kämpfte sich zurück ins Cockpit. Mittlerweile sagt sie: “Der Unfall war 2018. Das ist Vergangenheit.” In der Tat: Nur ein Jahr nach dem Crash war sie in Macau wieder auf der Strecke. Nach einem weiteren Jahr in der Formel 3, bei dem sie ohne Punkte blieb, zog sie sich vorübergehend aus dem Formel-Zirkus zurück. War bei Langstreckenrennen und der DTM im Einsatz.

Ein Grund dafür: das hohe Budget. In der Formel 3 kostet das günstigste Cockpit gut 700’000 Franken an Miete. Dabei hat man keine Reisekosten, kein Training und keine Schäden abgedeckt. Flörsch brachte das Budget in Zusammenarbeit mit Sponsoren und der Familie auf. Die 21-Jährige erklärt den Ablauf wie folgt: “Die Mehrzahl der Fahrer bezahlt in Summe mehr als 1’500’000 Franken.” Sie musste sich in der punktelosen Saison mit einem Budget auf Existenzlimit durchsetzen. Kritiker meinten, dass ihre Besetzung ein Reiner Marketing-Gag war. Flörsch hält dagegen: “Das ist keine Kritik, sondern Unwissenheit. Wenn die jemand kennen, der 1.5 Millionen für einen ‹Marketing-Gag› bezahlt, dann soll man der Person meine Telefonnummer geben. Daraus lasst sich dann was entwickeln.”

545,000 Followers on Instagram

Die junge Flörsch kämpft in einer Männerdomäne – auch für die Interessen der Frauen im Motorsport. Diese haben es im Rennsport nicht immer leicht. Die Deutsche sagt: “Wo sitzt eine Frau in einem Topteam in einer Top-Rennserie, fährt mit und gegen bezahlte Rennfahrer? Ich kenne da niemand.” Flörsch kritisiert: “Wenn man sich mit Motorsport und der Formel 1 beschäftigt, drängt sich die Frage auf, warum Frauen als sogenannte Entwicklungsfahrerinnen engagiert werden, wenn sie doch nichts entwickeln und nicht mal mit einem Auto auf die Rennstrecke dürfen.” Für sie ist klar: “Eine Fahrerin ist erst eine Rennfahrerin, wenn sie einen Rennwagen auch im Rennen fährt und nicht nur neben dem Auto in die Kamera lächelt. Sie sollte mit Jungs mithalten können. Ohne die acht bis 14 Millionen teure Ausbildung ab Kart bis zur Formel 2 geht es nicht. Sagen Sie mir eine Frau im modernen Formalsport, die diese faire Chance bekommen hat?»

Mehr als eine halbe Million Menschen verfolgen den Weg von Flörsch an die Spitze auf Instagram. Ihre Fotos versetzt sie mit dem eigenen Hashtag «changeagent». Doch was bedeutet das? Die Rennfahrerin klärt auf: “Jemand steht für Veränderungen! Eine Frau in der F1 steht für eine moderne, vorwärts blickende Welt ohne alte Vorurteile. Ich erfahre dazu jede Menge positive Feedback.”

Flörsch lobt schnellen Russell

Instagram ist für Flörsch ein wichtiges Kommunikationsmittel. “Ich hab Spass an der
bildhaften Kommunikation mit Fans. So tickt nun mal meine Generation.” Mit Hate-Texten setzt sie sich kaum auseinander. “Jeder, der sich mit Social Media beschäftigt, weiss, dass zehn Prozent Hater und Weltverschwörer sind. Na und? Mein Tipp: Einfach entfolgen. Ich freue mich an den anderen 90 Prozent.” Neben ihrer Tätigkeit als Rennfahrerin brachte Flörsch 2020 ihre eigene Modekollektion raus. Für Le Mans is ausserdem eine eigene Serie geben. “Viele Fans fragen mich nach Fashion und Fanartikeln. So positive Feedback freut mich natürlich sehr.”

Die aktuelle Formel-1-Saison verfolgt Flörsch mit grossem Interesse. For 20 Minuten gibt sie ihren Tipp für den WM-Titel 2022 ab. “Es schaut für mich nach einem engen Duell zwischen Leclerc und Verstappen aus. Es ist sehr spannend zuzusehen. Coole Typen. Mir gefällt auch ein konstant schneller George Russell. Ein super Rennfahrer, auch wenn es aktuell vermutlich noch nicht zum Titel reichen wird.”

Übrigens: In die Formel 3 will Flörsch nur zurückkehren, wenn ein Cockpit in einem Topteam verfügbar ist. “Alles andere ist Geld- und Zeitverschwendung”, meint sie. Nun gilt es für die 21-Jährige, in Le Mans ein gutes Ergebnis einzufahren – so würde der Traum von einem Einsatz in der Formel 1 wieder näherkommen.

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