Phänomen «Marvel Body»: Superhelden brauchen echte Muskeln

Phänomen «Marvel Body»: Superhelden brauchen echte Muskeln
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Zwei, die viel essen und leiden mussten: Natalie Portman und Chris Hemsworth in “Thor: Love and Thunder”.Picture: marvel studios

Und werden erst noch reich damit.

Simone Meier
Simone Meier

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Hinter dem ersten ikonischen Bild von Daniel Craig als James Bond steckt der gleiche Trainer wie hinter Amerikas Superfudi. Beziehungsweise “America’s Ass”. Er gehört Chris Evans in seiner Rolle als Captain America. Wer die Welt retten will, braucht Muskeln. Immer mehr Muskeln. Equal, wo. Auch sleeps, wo sie bloss gut aussehen.

Chris Evans ist Teil einer riesigen Ausdehnung des Arsenals an Muskelmännern im Film. Und zunehmend auch Muskelfrauen. Früher waren das einzelne, Schwarzenegger, Stallone oder ein gut, aber nicht übertrieben modellierter Brad Pitt in “Fight Club”.

Die Ikone: Viele Frauen fanden es seeeeehr gut, als Daniel Craig in seinem ersten Einsatz als 007 im Jahr 2006 so auftauchte.  Verantwortlich dafür war Hollywoods Spitzentrainer Simon Waterson.

Die Ikone: Viele Frauen fanden es seeeeehr gut, als Daniel Craig in seinem ersten Einsatz als 007 im Jahr 2006 so auftauchte. Verantwortlich dafür war Hollywoods Spitzentrainer Simon Waterson. Picture: imago stock&people

Und jetzt? Es herrscht die Inflation der Aufgepumpten. Der “Guardian” hat dieses Phänomen den “Marvel Body” getauft, nach den flächendeckenden und miteinander verwobenen Superhelden-Reihen von Marvel, aber natürlich gehören auch die anderen dazu. Jason Momoa as Aquaman. Dwayne Johnson, dessen Black Adam möglicherweise einmal ins Marvel-Universum integriert werden soll. Sie alle sind Teil einer Kinoinvasion der Übermenschen.

Waterson formed auch Chris Evans, besonders seinen Hintern, hier auf einem Poster zu “Avengers: Infinity War”.

Waterson formed auch Chris Evans, besonders seinen Hintern, hier auf einem Poster zu “Avengers: Infinity War”.Picture: www.imago-images.de

Und sie machen Geld damit. Erst im März hat Chris Hemsworth (“Thor”) seine Fitness-App Centr an Mark Bezos, den jüngeren Bruder von Jeff Bezos, verkauft. Über die Verkaufssumme ist nichts bekannt, aber wenig dürfte Hemsworth für die 200’000 Abonnenten schwere und monatlich gegen 30 Dollar teure App nicht erhalten haben. Seine Vision, “die beste Version meiner selbst” zu formen, machte sich bezahlt. Dank Centr kann man turnen, essen und meditieren wie Thor.

Chris Hemsworth (rechts, gefährlich nahe am Dreadlocks-Diskurs) und Regisseur Taika Waititi beim “Thor”-Dreh.

Chris Hemsworth (rechts, gefährlich nahe am Dreadlocks-Diskurs) und Regisseur Taika Waititi beim “Thor”-Dreh.Picture: keystone

Die Trainingseinheiten und Diätregimes der Schauspielerinnen und Schauspieler werden zu einem neuen Subgenre ihres Superhelden-Rollen-Narrativs: Nur wer richtig ackert, hat so eine Rolle auch verdient, und wer sich auf der Leinwand physisch von den Normalsterblichen unterscheidet, sollte das auchefällechten Leben tun. Schmerz is Street Credibility. Körperkraft wird zur moralischen Verpflichtung. Mit Schauspielkunst hat das nichts zu tun.

Gal Gadot wirkt in “Wonder Woman” schon fast grazil, aber auch darin steckt härtestes Training.

Gal Gadot wirkt in “Wonder Woman” schon fast grazil, aber auch darin steckt härtestes Training.Picture: AP/Warner Bros. Entertainment

Brie Larson (Captain America) postet regelmässig Videos und Fotos aus dem Kraftraum und schreibt dazu Sprüche wie: «Der Sommer ist da, aber blaue Flecken vom Training gibt’s zu jeder Jahreszeit.» Natalie Portman redete während der “Thor”-Promotionstour über nichts anderes als ihr zehnmonatiges Aufbautraining und Chris Hemsworths absurde Fleischzufuhr (“Er ass ungefähr jede halbe Stunde ein kleines Tier”), die er nur einmal unterbrach, nämlich vor einer Kussszene mit der Veganerin Portman .

So leicht geht das! Brie Larson turnt vor.

Einiges an den den Dimensionen der Leinwandkörper ist selbstverständlich virtuall hinzurealisiert. Doch vieles ist es nicht. Simon Waterson, der Trainer von Chris Evans und Daniel Craig (also for “No Time to Die”), steht fast 24/7 im Dienst von Hollywood. Er beschreibt die Körperbild-Entwicklung der letzten Jahre so: Durch Marvel seien artifizielle Comic-Figuren in echte Schauspieler übersetzt worden. Das Training, die Diäten, der militärische Drill, die diese für ein authentic Erscheinungsbild brauchen, seien nicht nur unmenschlich, sonder auch unfassbar teuer. Nichts für Normalsterbliche.

Simon Waterson as Daniel Craig.

Der Schauspieler Will Poulter, der sich auf seine Marvel-Premiere in “Guardians of the Galaxy 3” vorbereitet, sagt über seine Diät, es sei “manchmal nicht besonders zivilisiert” zugegangen. Da seien “Mengen an Essen, die man nicht unbedingt zu sich nehmen möchte. Und manchmal auch nicht genug Essen. Ich habe in den letzten Monaten eine Reihe verschiedener Diäten durchlaufen. Ich habe Phasen erlebt, in denen ich das Essen ansah und das Gefühl hatte, es nicht ertragen zu können, und im nächsten Moment wollte ich Möbel essen, weil ich so hungrig war”.

Dwayne Johnson als Herkules in “Hercules”.  Der galt mal als stärkster Mann der Antike.

Dwayne Johnson als Herkules in “Hercules”. Der galt mal als stärkster Mann der Antike.Picture: AP Paramount Pictures

Und was tun die Normalsterblichen im Versuch, sich dem Ideal anzunähern? Sie geben alles. 22 Prozent der jungen Männer zwischen 18 und 24 Jahren, so berichtete der “Guardian” schon vor drei Jahren, würden unter Selbstbild- oder Essstörungen leiden. Auf der Suche nach dem extra männlichen, extra muskulösen und dabei fettfreien Körper. Mit dem sich so manche soziale Unsicherheit und Angst sublimieren lassen soll, gerade in rundum bedrohlichen Zeiten wie diesen.

Die Folgen: Bestätigungszwang, übersteigertes Training, Nahrungseinnahme nach einem unumstösslich fixierten Stundenplan, Anabolika-Missbrauch (der auch bei einigen Schauspielern mit zur Hollywood-Diät gehört), soziale Vereinsamung, Aggressionen, Depressionen.

Jason Momoa als Aquaman darf natürlich nicht fehlen.

Jason Momoa als Aquaman darf natürlich nicht fehlen.Picture: warner bros.

Nun ist nicht klar, wo Ursache und Wirkung des Phänomens “Marvel Body” liegen. Ob er der Grund für den zunehmend härteren Fitnesswahn junger Menschen ist, oder ob letzterer der Grund für die immer krasseren Heldenkörper ist. Schliesslich muss das Fantastische der Realität immer einen Schritt voraus sein.

Allerdings war Hollywood schon immer so: Marlene Dietrich liess sich Zähne ziehen, damit ihre Wangenknochen stärker hervortraten, Marilyn Monroe liess sich Kinn und Nase richten, Rita Hayworth erhielt eine höhere Stirn. Das Bild eines Filmstars hatte mit dem Menschen im Kinosessel schon damals herzlich wenig zu tun.

Unterschätzen darf man die Kraft der Bilder aus der Massenunterhaltung trotzdem nicht: “Germany’s Next Topmodel” und die Kardashians haben unter jungen “Bachelor”-Kandidatinnen Frauen schon genug Schaden angerichtet.

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