„Meine Stunden mit Leo“: Im Bett mit Emma Thompson

„Meine Stunden mit Leo“: Im Bett mit Emma Thompson
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Ihre Kleidung ist solid, sie hat einen gepflegten Haarschnitt und trägt gern Schals in gedeckten Farben. Sie hat ihr Leben lang vernünftig gelebt, als Religionslehrerin in irgendeiner Kleinstadt, an der Seite ihres Mannes, mit dem die Ehe ebenfalls vernünftig war. Sie hat zwei Kinder geboren, jetzt ist sie pensioniert und Witwe. Und sitzt in einem Hotelzimmer in London, nennt sich Nancy und wartet auf einen jungen Mann, den sie unter dem Namen Leo gebucht hat.

Als Leo ankommt – strahlendes Lächeln, unglaublich charming Ausstrahlung – und beginnen will, sich auszuziehen, bittet Nancy um Aufschub. Nein, auch kein Kuss, kein Drink, zuerst reden, bitte. „Sie sind sehr sexy“, sagt er, und sie wartet. Nein, da kommt kein „für Ihr Alter“, dieses Kompliment hat keine Bedingung. Leo sieht die Schönheit in ihr. Doch so gut er in seinem Metier, Wohlbefinden zu vermitteln, ist, so unerträglich nervös ist Nancy.

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Nancy und Sexarbeiter Leo: der eine routiniert entspannt, die andere sichtbar nervös

In „Meine Stunden mit Leo“ spielt Thompson eine Frau, die ihr gesamtes Leben lang nur mit einem Mann geschlafen und mit diesem keinen einzigen Orgasmus erlebt hat. Da ihr Gatte gestorben ist, fühlt sie sich nun nicht mehr verpflichtet und wagt den Sprung: Leo (McCormack) soll mit ihr einige Dinge ausprobieren. „Ich habe eine Liste geschrieben“, sagt sie. Oralsex sie bei ihm, Oralsex er bei ihr, 69 („sagt man das noch so?“) und dann Penetration. Einen Höhepunkt erwartet sie allerdings nicht, das hat noch nie geklappt.

Berühren, aber anders

Eine sexual Dienstleistung gegen Bezahlung in Anspruch zu nehmen, ist jedoch gar nicht so einfach, es widerspricht im Grunde allem, wonach sich Nancy bisher gerichtet hat, so aufgeklärt sie sich selbst auch sieht. Im Unterricht hat sie früher sogar Aufsätze aufgegeben, „Sollte Sexarbeit legal sein?”, die meistens zu dem Schluss kamen, ja doch – zum Schutz der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. Job macht.

Um fürs College zu sparen, natürlich, er kommt aus einfachen Verhältnissen. Stimt das denn so? Natürlich nicht. Aber es klingt gut. Nancy kann nicht aus ihrer Lehrerinnenhaut, doziert von der Wichtigkeit von Bildung, rechtfertigt, warum sie ihn gebucht hat, zögert, hört ihm zu. Irgendwann ist die Stunde um, ohne dass es zu mehr als einer Berührung gekommen ist. Aber es war nicht das letzte Treffen mit Leo Grande.

Die australische Regisseurin Sophie Hyde hat für „Meine Stunden mit Leo“ gemeinsam mit ihrem Hauptdarsteller mit Sexarbeitern gesprochen, um die Arbeit authentisch und respektvoll zu porträtieren. Das Drehbuch, aufgebaut wie ein Kammerspiel, stammt von der britischen Stand-up-Komikerin Sophie Price, die darin Überlegungen zu „Body-Positivity“ ebenso erörtert wie moralische Bedenken und dabei nur wenige Fragen ungestellt lässt.

Der Callboy als Therapeut

Drehbuchautorin Price interpretiert Sexarbeit, so wie Leo sie anbietet, als de facto therapeutisch und lässt Leo von einer utopischen Gesellschaft fantasieren, in der Sex niederschwellig und ohne Scham zugänglich wäre, auch für jene, die ihn nicht in einer Beziehung erleben können. „Du bist schüchtern oder krank oder behindert oder du hattest einen Trauerfall. Also engagierst du jemanden wie mich. Die Welt wäre viel friedlicher“, sagt er, und Nancy stimmt zu: „Es sollte eine Sozialleistung sein.“

Emma Thompson und Daryl McCormack in einer Szene des Filmes „Stunden mit Leo“

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Mit Leo im Bett: durch Reden wird alles besser

Dass die Konstellation hier ein junger Mann und dort eine ältere Frau ist, statt der üblicheren umgekehrten Hierarchie, ermöglicht die Diskussion erst in dieser Unschuld. Doch so sehr es um Nancys Selbsterfahrung, um Ermächtigung und Sexpositivität geht – der Film diskutiert zugleich auch ehrlich Machtverhältnisse, Ausbeutung und Abhängigkeit. Dass Nancy auch Grenzen überschreitet, ist ernüchternd, aber notwendig für die Aufrichtigkeit des Films.

Wenn das die Mama wüsste

In Wahrheit geht es hier gar nicht so sehr um Sex, sonder viel mehr um Intimität, Erwartungen, Beziehungen und auch um Familie, um Vorurteile und Lebenserfahrungen. Manche Wahrheiten sind so groß, dass sie nur im Gespräch mit einem Fremden ausgesprochen werden können. Dass sie ihren Sohn langweilig findet, gesteht Nancy sehr direkt, und: „Es ist stressig, Mutter zu sein. Als hätte ständig jemand den Finger in einer Wunde, ich weiß nicht, ob ich es getan hätte, hätte ich das gewusst“, sagt sie zu Leo, der zu seiner Mutter keinen Kontakt hat. Was diese wohl sagen würde zu alldem?

Am Ende gestehen Nancy und Leo einander, dass sie eigentlich ganz anders heißen, und verabschieden sich voneinander. Und dann steht Nancy wieder alleine nackt vor dem Spiegel und betrachtet ihren 62-jährigen Körper, als sei er etwas ganz Neues. „Das war das Schwerste“, sagte Thompson nach der Berlinale-Premiere über diese Szene: „Wir sind nicht gewöhnt, unbehandelte Körper zu sehen. Was wir sehen, sind trainierte Körper.“

Echte Intimacy

„Aber Nancy ist keine, die ins Fitnessstudio geht, sie isst gern Keks, sie hat einen ganz normalen Körper, ist 62 Jahre alt und hat zwei Kinder geboren“, so Thompson dazu. Wie spektakulär das ist, zeigten Journalistenfragen danach, ob für die Szene denn ein Body Double verwendet worden sei, und Anschlussstatements, die Thompson zu ihrem Mut beglückwünschten. „Natürlich ist das mein eigener Körper“, antwortete diese, „warum soll das denn mutig sein? Es täte uns allen gut, so etwas öfter zu sehen.“

Auf der einen Seite ist „Meine Stunden mit Leo“ ein zärtlicher, kluger Film über Lust, Scham und Sexpositivität. Viel mehr noch geht es aber um das Überwinden von Vorurteilen und die unübertroffene Schönheit, im Gegenüber einen echten Gesprächspartner oder eine Gesprächspartnerin zu finden. Und darum, dass Intimität vor allem damit zu tun hat, einander wirklich zu sehen.

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