“Luzifer”: Das Grauen lauert in den Bergen

"Luzifer": Das Grauen lauert in den Bergen
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“Luzifer”: Das Grauen lauert in den Bergen

Von Benjamin Richter

Germany – Bizarres Kammerspiel vor prächtiger Alpenkulisse: Der österreichische Horrorfilm “Luzifer” ist ein verstörendes Machwerk, das am 28. April in deutschen Kinos anläuft. Doch reicht die spannende Prämisse für eine Empfehlung aus? die TAG24-Kritik.

Johannes (Franz Rogowski, 36) hat eine innige Beziehung zu seinem Adler. © PR / Drop-Out Cinema eG / Indeed Film

Zusammen mit seiner strenggläubigen Mutter Maria (Susanne Jensen, 58) haust Johannes (Franz Rogowski, 36) abgeschieden in einer Almhütte in den Bergen.

Beide leben asketisch und gehen ihrer Arbeit, ihren Gebeten sowie Ritualen nach. In der hermetischen Isolation des Bergpanoramas scheint sie das abweisende Klima und die Höhe der kalten Umgebung buchstäblich näher zu Gott zu bringen.

Auch diesem kleinen Paradies in den Alpen droht jedoch die touristische Erschließung. Störgeräusche von Baumaschinen und moderne Fremdkörper wie kamerafähige Drohnen unterbrechen die alltägliche Routine von Johannes und seiner Mutter.

Bauarbeiter und Holzfäller scheinen die lokale Flora und Fauna allmählich zu vergiften und damit den Teufel selbst zu wecken, der in den skurrilen Gesteinsformationen der Tiroler Berge bereits auf der Lauer liegt.

Die Bedrohung ihrer Lebensweise führt die beiden Protagonisten auf einen persönlichen Kreuzzug, für den sie bereit sind, sich selbst zu Märtyrern zu machen…

Trailer zum Horrorfilm “Luzifer” with Franz Rogowski and Susanne Jensen

“Luzifer” bietet zahlreiche visual Facetten und religiöse Metaphern

Johannes versucht, seinen Adler einzufangen, verletzt sich dabei jedoch.

Johannes versucht, seinen Adler einzufangen, verletzt sich dabei jedoch. © PR / Drop-Out Cinema eG / Indeed Film

Optisch haben Regisseur Peter Brunner (39, “To the Night”) und Kameramann Peter Flinckenberg (51, “Lansky”) erstaunlich viel aus ihrem Horrorfilm herausgeholt.

Ob atemberaubende Aussichten samt violettem Himmel, grasbewachsene Landschaften oder düstere Nebelschwaden: Visuell hat “Luzifer” – gerade auf einer großen Leinwand – viel zu bieten.

Wer sich mit christlicher Religion etwas auskennt, wird zudem zahlreiche Metaphern entdecken. So geißelt sich Maria etwa gleich zu Beginn mit einem dornigen Steigeisen selbst – ein Hinweis auf die Dornenkrone, die Jesus bei seiner Kreuzigung trug.

Später wiederholt sich ein ähnliches Motiv mit Johannes’ Adler, der seine scharfen Krallen in dessen ungeschützten Arm bohrt.

Johannes, der am Kaspar-Hauser-Syndrom leidet, weist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung und ein eher kindliches Gemüt auf.

Ob diese durch die soziale Isolation oder gar durch Missbrauch hervorgerufen wurde, bleibt jedoch – wie so vieles in der Handlung – leider unklar.

“Luzifer” zeigt eine beklemmende, hoffnungslose Welt mit gewöhnungsbedürftigen Protagonisten

Spiritualität und religiöse Glaubensrituale bestimmen den Alltag von Maria (Susanne Jensen, 58, r.) und Johannes.

Spiritualität und religiöse Glaubensrituale bestimmen den Alltag von Maria (Susanne Jensen, 58, r.) und Johannes. © PR / Drop-Out Cinema eG / Indeed Film

Der Genremix wirft den Betrachter gleich zu Beginn in eine düstere, grauenerregende Welt hinein und verzichtet dabei weitgehend auf Kontext. Warum haben sich Johannes und Maria für das einsame Leben in den Bergen entschieden? Unter welchen Umständen starb der Vater, der im Laufe der Story erwähnt wird?

Zudem stellt sich beim Zuschauen irgendwann die Frage, ob der Film nicht ein Stück weit seine intendierte Wirkung verfehlt. Denn da schon die Protagonisten mit ihren verstörenden Verhaltensmustern selbst der absolute Horror sind, kann das Böse, das in den Bergen lauert, auch nicht mehr viel schlimmer sein.

Gleichzeitig muss man Franz Rogowski (“Große Freiheit”, “Undine”, “In den Gängen”) und Susanne Jensen attestieren, dass sie ihre Figuren dennoch glaubhaft verkörpern. Beide schaffen es, eine Art Abscheu auszulösen, die man wohl bei keinem Menschen in der Realität erleben möchte. Auch die gegenseitige Chemie ihrer komplexen Mimik und Gestik stimmt.

So fordert Maria ihren Sohn etwa in einer Szene dazu auf, ihren nackten Körper, der das Kreuz Jesu Christi symbolisiert, reinzuwaschen. Dabei wird sie von Johannes mit einer seltsamen Mischung aus Respekt, Verlangen und Misstrauen beäugt, was beim Zuschauer jede Menge Unbehagen auslöst.

“Luzifer” liefert opulente Optik, hat aber auch inhaltliche und dramaturgische Schwächen

"Luzifer" wartet trotz seiner düsteren Atmosphäre mit beeindruckenden Panoramen und Landschaftsperspektiven auf.

“Luzifer” wartet trotz seiner düsteren Atmosphäre mit beeindruckenden Panoramen und Landschaftsperspektiven auf. © PR / Drop-Out Cinema eG / Indeed Film

“Unsere Bäume werden abgeholzt, die Welt stirbt”, hört man Maria zu Beginn der zweiten Filmhälfte sagen. Ab hier rückt “Luzifer” den Umweltaspekt der Erzählung stärker in den Vordergrund, verliert sich später jedoch erneut in seinem eigenen Symbolismus.

Auf ein potenziell interessantes Mittelstück folgt leider kein zufriedenstellender Abschluss – vor allem eine längere Szene zum Ende hin, die laut Angaben der Macher auf wahren Begebenheiten beruht, mutet durch die kuriose Beliebigkeit ihres Szenenbildes fast schon lächerlich an.

Unterm Strich bleibt “Luzifer” damit ein Film, der es sich durch seinen sehr hohen Deutungsspielraum etwas zu leicht macht. Eine stringentere Handlung, präzisere Dialoge und sympathischere Charaktere hätten hier Wunder bewirken können.

Für klassische Horror-Fans, die vor allem Spannung und eine ausgefeilte Dramaturgie erwarten, ist der Streifen daher nicht zu empfehlen.

Wer jedoch in erster Linie wegen der Optik ins Lichtspielhaus geht und sich von den mitunter Brillanten Aufnahmen treiben lassen möchte, kann einen Kinobesuch durchaus in Betracht ziehen.

Titelfoto: PR / Drop-Out Cinema eG / Indeed Film

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