Luke Mockridge kämpft im Zürcher Hallenstadion um Deutungshoheit

Luke Mockridge kämpft im Zürcher Hallenstadion um Deutungshoheit
Written by admin

Das Verfahren gegen Comedian Luke Mockridge wurde mangels Beweisen eingestellt.Picture: keystone

Der wegen Vergewaltigungsvorwürfen unter Kritik geratene deutsche Stand-Up-Comedian Luke Mockridge (33) gilt als Opfer der Cancel-Culture. Bei seinem Comeback im Hallenstadion Zürich vor 9000 Fans wird deutlich: Um Opfer zu sein, läuft es ihm zu gut.

Julia Stephan / ch media

Der deutsche Comedian Luke Mockridge (33) steckt seit zwei Jahren in einem Shitstorm fest. Ausgelöst hat ihn seine Ex-Freundin, die deutsche Comedienne Ines Anioli (35). Seit sie ihn öffentlich einer versuchten Vergewaltigung beschuldigt hat, ist Mockridge, der 2017, 2018 und 2019 am deutschen Comedypreis gross abgeräumt hat, kein harmloser Spassmacher mehr, sonder eine kontroverse Figur.

Das Verfahren gegen ihn wurde zwar mangels Beweisen eingestellt. Es gilt die Unschuldsvermutung. Weil sich feministische Aktivistinnen im Netz unter dem Hashtag #KonsequenzenfuerLuke aber für Anioli stark machen, ist sein Fall inzwischen grösser als er selbst. Exemplarisch steht er für die Frage, wie die Öffentlichkeit auf juristisch nicht beweisbare Anschuldigungen sexualer Belästigung und auf unreflektierte toxische Männlichkeit reagieren soll.

Am deutschen Comedypreis strich man Mockridge letztes Jahr spontan von der List der Nominierten, nachdem der “Spiegel” anonyme Vorwürfe von weiteren Frauen öffentlich gemacht hatte. Mockridge habe ihnen an den Hintern gefasst, sie zu Küssen gezwungen. Gezeichnet wurde das Bild eines Mannes, der ein “Nein” nicht akzeptiert. Hazel Brugger und ihr Mann brachten sich mit einem Motto-Shirt bei der Comedypreisverleihung gegen ihn in Stellung. Mockridge zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, kündigte in einem Video an, er wolle sich mit den Vorwürfen vertieft auseinandersetzen.

In Zürich bleibt es ruhig

Das Video hat er inzwischen vom Netz genommen und gegen einen ironisch darauf Bezug nehmenden Scherzbeitrag ersetzt. Mockridges Anwalt geht aggressiv gegen jede negative Medienberichterattung vor. Der «Spiegel» musste seinen Artikel wegen unzulässiger Verdachtsberichterstattung zurücknehmen. Und nun kehrt der Comedian, der während der vergangenen Wochen auch in psychologischer Behandlung gewesen sein soll, nach monatelanger Pause wieder auf die Bühne zurück. Der Titel seines Programms, “A Way Back to Luckyland”, ruft bei den Fans die guten alten Zeiten in Erinnerung, als Mockridge noch das Image des lässigen Dudes hatte, der über unser Social-Media-Verhalten zielgruppengerechte Witze riss.

Es war zu erwarten, dass sein Auftritt in Zürich nicht ohne Störgeräusche bleiben würde. Vor knapp zwei Wochen hatten in Berlin Hunderte Feministinnen vor der Mercedes-Benz-Arena protestiert und sogar die Bühne gestürmt:

Eine Aktivistin ergreift das Wort bei Luke Mockridges Auftritt in der Mercedes-Benz-Arena in Berlin.Video: YouTube/Videocesar

In der Schweiz hatte die Juso Zürich zusammen mit dem feministischen «Streikkollektiv Zürich» im Vorfeld die Petition «Keine Show für Täter» lanciert, um Mockridges Auftritt zu verhindern. Bis gestern hatten sie gut 1000 Menschen unterschrieben. Auch Comedian Renato Kaiser hatte sich für den Aufruf stark gemacht.

Die unglückliche Wortwahl der Aktivisten, die einen nicht verurteilten Künstler als Täter bezeichneten, sorgte aber auch für Kritik. Netzaktivistin Jolanda Spiess-Hegglin stellte sich hinter Mockridge. “Ich mag diesen Luke nicht. Aber auch für #LukeMockridge gilt die Unschuldsvermutung, denn er wurde freigesprochen», schreibt sie auf Twitter.

Am Ende blieb aus dem online hoch gekochten Skandal nicht mehr viel übrig. Eine Handvoll Aktivistinnen und Aktivisten hatte am Sonntag vor dem Hallenstadion den Slogan “Überlebende, wir glauben euch” auf den Boden geschrieben. Polizisten standen gelangweilt auf ihren Posten herum. Die Protestierenden zogen ab, als die rund 9000 Fans schliesslich zum Hallenstadion strömten. Die Stimmung war entspannt. Es zeigte sich, dass die sprachliche Aufrüstung im Netz, wo Worte wie Täter und Opfer ausserhalb ihrer juristischen Bedeutung verwendet werden, auf die jungen Fans wenig bis gar keinen Eindruck machte. Viele der Social-Media geschulten Zuschauerinnen und Zuschauer zwischen Zwanzig und Mitte Dreissig begegneten den Vorwürfen auf Anfrage mit einem Achselzucken. “Interessiert mich nicht”, war auch von jungen Frauen zu hören. Mockridge sei schliesslich kein verurteilter Sexualstraftäter.

Zu viel Meinung, zu wenig Spass

Für sein Comeback wählte Mockridge die Flucht nach vorn. Seine gar nicht vorhandenen Haters im Raum verwies er gleich zu Beginn auf ihre Plätze. Zu viel Meinung, zu wenig Spass, darauf habe er keinen Bock mehr, erklärte er. Indem er die Erfahrung von Lynchjustiz und Partyentzug während dem Corona-Lockdown zusammenwarf, solidarisierte er sich mit seinem jungen Publikum. Seit zwei Jahren gehe er durch die Hölle. Sogar sein Bruder soll Opfer von Lynchjustiz geworden sein. Auf der Höhe des Shitstorms habe ihm die Fahrlehrerin gekündigt. Mockridge spasst: “Ein Land, in der eine Frau Autofahren darf, ist nicht mehr mein Land”. Und ergänzt: Auf Twitter hätte das sicher den nächsten Shitstorm gegeben.

Die Welt sei aber gar nicht so schlimm, wie alle auf Social Media behaupten würden, findet Mockridge. Und meint demit natürlich: Ich bin nicht der schlimme Typ, für den mich auf Social Media alle halten. Sein Programm wird zum Therapiegefäss, Mockridge ist das Opfer, das sich unter grossen Ängsten der Öffentlichkeit stellt. Es ist genau diese Verdrehung des Täter-Opfer-Narrativs, das Feministinnen auf die Barrikaden bringt. Schon in den ersten Minuten wird der Elefant im Raum zur Mücke gemacht, als Mockridge in einer ziemlich geschmacklosen Nummer mit Boygroup-Stimme zu einem Disney-Soundtrack auf Englisch «Ich bin der Kerl mit dem Sex-Skandal» singt. Und weiter: “Ihr habt versucht, mich aus der Comedy-Welt zu canceln, aber jetzt bin ich zurück.”

Vor 9000 Menschen und bei 35 angekündigten Shows in den deutschsprachigen Kathedralen des Showbusiness wirkte dieser Opferkult ziemlich skurril . Vor einer nostalgischen Chilbi-Szene mit einem riesigen aufgeblasenen Clownskopf baute sich Mockridge in “A way back to luckyland” seinen eigenen Rummelplatz aus schlüpfrigen Spässen zusammen.

Der Abend ist eine Einladung in Mockridges private WhatsApp-Gruppe. Und was tut man da? Man lästert. Über die, die nicht dazugehören. Was Mockridge dann auch tut. Er wettert gegen die Influencerinnen und ihre Scheinmoral – seine Ex-Freundin Ines Anioli ist natürlich mitgemeint. “Ich finde es so toll, dass du deine Reichweite für dieses ernste Thema benutzt, sagt er. Und: “Ne, wir sind nur wegen deiner Brüste hier.” Fast demonstrativ lässt er keinen sexualisierten Witz über seinen Penis und das schöne Geschlecht aus. Dass Frauen wunderschön seien, so ein Penis aber eher nicht. Dass so ein Dickpic eigentlich nicht geht. Das Publikum johlt und pfeift. Mockridgte betreibt in der Show seinen eigenen, privaten Shitstorm. Er schafft sich seine Bubble, mit der er sich gegen den Hass aus den anderen Bubbles je nach Perspektive schützt oder vor ihrer Kritik verschliesst. Das Publikum assistiert. Von tiefer Reflexion über eigene Verfehlungen spürt man wenig. Mehr von einem verzweifelt-aggressiven Kampf um die Liebe des Publikums.

Ich bin kein Vorbild

Das Spielen auf der Klaviatur dieses “Wir”-Gefühl beherrscht Mockridge nahezu perfekt. Er holt die Generation der Mittzwanziger und Mittdreissiger dort ab, wo sie sich auskennt. Zwischen Insta und Netflix, Online-Dating und Party, Laktoseintoleranz und Liebeskummer. Er verbündet sich: mit den müden Eltern, mit der Generation Y, die mit Modemgeräuschen aufwuchs und der Generation Z, die nur noch online datet, mit den Ballermann-Touristen, den Schwulen, denen er im Handy-Lichtermeer eigene homoerotische Fantasien gesteht. Die Frauen, die seien doch eigentlich das Geschlecht der Stunde, findet er schliesslich anerkennend. Was der Mann da bieten könne? “Ich bin kein Vorbild.”, sagt er selbstironisch. Weiter vertiefen will er das nicht.

Das Rückfahrticket in eine unbeschwerte Vergangenheit, wo Lucky Luke einst unbeschwert auf dem Vergnügungsplatz der Gegenwart herumspasste, ist diese Show trotzdem nicht geworden. “Ein paar Sprüche seien schon unter der Gürtellinie”, meint selbst eine Mitzwanzigerin, die sich köstlich amüsiert hat. Wenn Mockridge über besoffene Frauen spricht, von der Überforderung in modernen Beziehungen oder in pornografischer Genauigkeit über seine Vorliebe bei Zungenküssen (“Ich mag viel Zunge. Wenn keine Zunge kommt, macht mich das fast wahnsinnig”), dann ist der Echoraum eben doch al grösser die paar Quadratmeter Bühne.

“Sorry an alle Hater, ich werde wahrscheinlich weitermachen”, erklärt Mockridge schliesslich und zieht das Gitter zu seinem Vergnügungspark hinter sich zu. Derweil hat der “Spiegel” den Fall ans deutsche Bundesverfassungsgericht gezogen. (aargauerzeitung.ch)

Leave a Comment