Kritik zu Überredung: Netflix zeigt: So geht Jane Austen heute.

Kritik zu Überredung: Netflix zeigt: So geht Jane Austen heute.
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Was macht eine gute Buchadaption aus? Anhand der Verfilmungen von Jane Austens Romanen lassen sich die unterschiedlichsten Antwortmöglichkeiten auf diese Frage treffend beobachten: Während der britische TV-Sender BBC lange Zeit sehr werkgetreue, dadurch aber auch gerne langatmige Umsetzungen (etwa „Stolz und Vorurteil“ mit Jennifer und Jennifer Ehrth) auf die Beine stellte, geht der Trend im Kino in den vergangenen Jahren zu einem deutlich freieren Ansatz, wie etwa Autumn de Wildes ebenso moderner wie exquisiter „Emma.“ beweist.

Auch die britische Theraterregisseurin Carrie Cracknell nimmt sich nun für den Netflix-Film „Überredung“ einige Freiheiten: Sie lässt ihre von Dakota Johnson („Fifty Shades Of Grey“-Reihe) gespielte Protagonistin konsequent das Publikum ansprechen und reichert die im frühen 19. Jahrhundert angesiedelte Geschichte auch sonst mit einigen sehr modernen Einschüben an. Dank eines sehr spielfreudigen Casts geht dieses Experiment größtenteils sehr gut auf – nur Cosmo Jarvis („Lady Macbeth“) in der männlichen Hauptrolle fallt im Vergleich zu seinen Kolleg*innen etwas ab.


Der Cast von “Überredung” macht eine Menge Laune.

Vor acht Jahren waren Anne Elliot (Dakota Johnson) und Frederick Wenthworth (Cosmo Jarvis) schwer verliebt und wollten heiraten, doch ihre Familie überredete die junge Frau, die Beziehung zu beenden. Anne trauert ihrer großen Liebe noch immer hinterher, als Wentworth, nun ein reicher und angesehener Offizier der Navy, wieder in ihr Leben tritt.

Eine neue Chance für ihre Beziehung? Ganz so einfach ist die Sache nicht, denn wie sich herausstellt, stehen die verletzten Gefühle von damals noch immer zwischen ihnen. Zudem verguckt sich auch Annes Freundin Louisa (Nia Towle) in den schneidigen Captain Wentworth, während gleichzeitig Mr. Elliot (Henry Golding), ein entfernter Verwandter der Familie, ein Auge auf Anne geworfen hat…

Jane Austen 2.0

Ein verliebtes Paar auf einer Klippe mit romantischem Blick aufs Meer, dazu eine Erzählung aus dem Off: „Überredung“ beginnt noch als klassischer Kostüm-Liebesfilm, doch schon nach wenigen Minuten brechen Carrie Cracknell und ihr Drehbuch-Duo Ron Bass (Oscar für „Rain Man“) und Alice Victoria Winslow mit der etablierten Formel: Ihre Anne Elliot verarbeitet den Schmerz über die erzwungene Trennung wie eine moderne RomCom-Figur mit Rotwein in der Badewanne. Und wenn Anne dann ihre Familienmitglieder vorstellt, durchbricht sie dabei erstmals die sogenannte Vierte Wand und blickt direkt in die Kamera, um das Netflix-Publikum auf der Couch zu adressieren.

Dabei beweist Dakota Johnson grandiose komödiantisches Timing, wenn ihre Anne Elliot immer wieder mit feiner Ironie das Geschehen kommentiert. Doch Cracknell nutzt die Publikumsansprache nicht nur einige der witzigsten Momente des Films, sonder auch um hinter Annes Fassade zu blicken: Als die Rückkehr von Wentworth im Kreis der Familie erstmals erwähnt wird, versichert Anne laut, dass sie sich kaum noch an ihn erinnere. Ihr tränenverschleierter Blick in die Kamera offenbart dann jedoch ihre wahren Gefühle. So wird das Publikum in „Überredung“ gleichermaßen zum Komplizen und zum engsten Vertrauten der Hauptfigur – ein gelungener Kniff, um die vielen Erklärungen und Beschreibungen zu ersetzen, die in der Buchvorlage eine Erzählerfigur übernehmen kann.


Dakota Johnson ist eine großartige Anne Elliot.

Cracknell belässt es jedoch nicht bei diesen immer wiederkehrenden Meta-Momenten, sonder setzt auch sonst konsequent auf (dezente) moderne Elemente: Da enthüllt Anne etwa, dass Wentworth einst eine Playlist für sie zusammengestellt hat (die hier natürlich kein Mixtape, sonder ein Notenbündel ist ), Figuren bewerten ihre Attraktivität wie vor allem im englischen Sprachraum heute üblich auf einer Skala von 1 bis 10 und auf einen Brief von Annes Schwester Mary (Mia McKenna-Bruce) ist ein trauriger Smiley gemalt.

Das mag auf den ersten Blick wie ein Fremdkörper wirken, allerdings schließt sich hier in gewissem Sinne der Kreis: Die Bücher von Jane Austen sind mit ihren von Missverständnissen und Gefühlschaos geprägten Liebesgeschichten schließlich so etwas wie der Vorläufer nutigen der heften -Verfilmung im Gegenzug die typischen Elemente eines zeitgenössischen Liebesfilms wieder auf.

Ein Altstar als Szenendieb

Dass die Mischung aus klassischem Kostümfilm und aktuellen Inhalten größtenteils so gut aufgeht, ist allerdings auch dem mit großer Freude und Energie aufspielenden Cast von „Überredung“ zu verdanken. Der leider für große Teile des Films abwesende Richard E. Grant („Can You Ever Forgive Me?“) ist als Annes Vater Sir Walter herrlich schnöselig und erweist sich – ebenso wie Bill Nighys Vaterfigur in „Emma.“ – als absoluter Szenendieb.

Konkurrenz machen ihm hier nur Henry Golding („Last Christmas“) als charming-sinisterer Nebenbuhler und Mia McKenna-Bruce, deren narzisstische Mary im Zusammenspiel mit Dakota Johnson für einige der lustigsten Momente sorgt. Ein Highlight: Anne verspricht, dass sie ein ganzes Gespräch mit ihrer Schwester lang nur auf Italienisch antworten könnte, ohne dass die selbstverliebte Mary das merkt, was sich dann einige Zeit später tatsächlich bewahrheitet.


Bei der männlichen Hauptfigur hakt es in “Überredung”.

Ausgerechnet bei der zentralen Liebesgeschichte knirscht es in „Überredung“ jedoch, denn der in „Lady Macbeth“ noch so großartige Cosmo Jarvis scheint mit seiner spröden, fast schon distanzierten Darbietung in einem anderen Film als der übrige Cast zu agieren. Deswegen bleiben die großen Gefühle zwischen Anne und ihrem Frederick oftmals bloße Behauptung. Auch die Stimmungsschwankungen der Figur wirken beliebig: Da lästert Wentworth in einer Szene erst im Gespräch mit Louisa über Anne, nur um ihr dann in der nächsten Szene mit verliebtem Blick in die Kutsche zu helfen. Das sorgt am Ende dafür, dass der wichtige Sinneswandel bei seiner Figur nicht nachvollziehbar herausgearbeitet ist.

Fazit: „Überredung“ kommt nicht ganz an den grandiosen Quasi-Vorgänger „Emma.“ ran, schlägt aber als modern erzählte Jane-Austen-Verfilmung mit treffsicherem Humor und einem spielfreudigen Cast in eine ähnliche Kerbe.

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