Kritik zu Stars At Noon: Viel Geschwitze um nichts

Kritik zu Stars At Noon: Viel Geschwitze um nichts
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Claire Denis’ „Stars At Noon“ ist weniger eine Verfilmung als eine Dekonstruktion von Denis Johnsons gleichnamigem Roman, einem hitzigen Romantik-Thriller voller persönlichem Verrat und politischer Intrige, der im Jahr 1984 während der Endphase der Nicaraguanischen Revolution spielt. Die Regisseurin („Der Fremdenlegionär“) und ihre Co-Autor*innen Lea Mysius und Andrew Litvack haben die Handlung nämlich nicht nur um fast 40 Jahre in die Zukunft verlegt, sonern ihr auch all die verklärten Klischees ausgetrieben, die man gemeinhin mit solchen romantisierten Krisengebiets-Abenteuern verbindet. Am deutlichsten wird das direkt bei der Hauptfigur.

Im Roman ist es eine junge Amerikanerin, die sich zwar hin und wieder als Magazin-Journalistin vorstellt, bei der man sich aber nie ganz sicher sein kann, auf wessen Seite sie wirklich steht. In der Filmversion hat die von Margaret Qualley („Once Upon A Time… In Hollywood“) gespielte, in einer dreckigen Absteige ohne Geld für den Rückflug feststeckende Trish hingegen nichts Geheimnisvolles mehr an sich. Spätestens bei einem verzweifelten Zoom-Call mit einem früheren Auftraggeber (John C. Reilly), der von ihr einfach nur noch genervt ist und sie bittet, doch endlich seine Nummer zu verlieren, wird die „Journalistin“ von einer faszinierenden Femme fatale zu einer bemitleidenswerten Drifterin zurechtgestutzt.


Trish (Margaret Qualley) und Daniel (Joe Alwyn) schwitzen sich gemeinsam durch die Fallstricke der undurchsichtigen politischen Situation in Nicaragua.

In ihrer vertrackten Lage bleibt der Gestrandeten nur ihr Körper, um sich zumindest ein Mindestmaß an Absicherung zu verschaffen. Während ein örtlicher Polizist (Danny Ramirez) auf ihr herumrutscht, stellt sie beim Blick auf ein altes Foto ernüchtert fest: „Früher waren junge Rebellen noch sexy.“ Claire Denis inszeniert den Sex trotz viel Nacktheit nicht sexy, sondern zerlegt die Körper wie schon in ihrem radikalen Sci-Fi-Horror „High Life“ mit der Kamera in ihre Einzelteile. Ob Absicht oder nicht: Auch Quentin Tarantino kriegt dabei einen Seitenhieb ab, wenn Denis sehr prominent die dreckigen Füße von Margaret Qualley ins Bild rückt. Schließlich hat der Shootingstar diese bei ihrer Arbeit mit dem berüchtigten Fußfetischisten Tarantino noch lasziv auf Brad Pitts Armaturenbrett ausgestreckt.

Auch die zentrale Beziehung des Films beginnt als Business-Transaction. Die Bar in einem internationalen Luxushotel ist für Trish die einzige Möglichkeit, an amerikanische Währung zu kommen – hier schläft sie für 50 Dollar und ein paar Stunden mit einer funktionierenden Klimaanlage mit ausländischen Geschäftsleuten wie dem Briten Daniel (Joe Alwyn), der für elkbetontinen arbetonzen . Irgendwie gerät sie so auch mitten hinein in eine Verschwörung, in der die nicaraguanischen Behörden ebenso eine Rolle zu spielen scheinen wie die CIA. Allerdings bleibt das alles so vage und spannungsarm, dass man guten Gewissens davon ausgehen darf, dass Denis’ an der Thriller-Ebene ihres Plots ebenfalls kein wirkliches Interest hatte.

Erst alles abgerissen, dann nichts aufgebaut

Nun, wo sie ihrem Stoff alle spekulativen Spannungsmomente und verklärte Erotik ausgetrieben hat, stellt sich dann aber natürlich schon die Frage, wovon Claire Denis denn stattdessen in „Stars At Noon“ erzählen will? Und diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Die Verlegung der Handlung von 1984 mitten hinein in die Corona-Pandemie sorgt abseits des Maskentragens und Fiebermessens nur zu einer halbherzigen Spannungsszene, wenn Trish an einer Straßensperre erst noch einen Schnelltest machen muss, bevor Daniel und sie ihre Flucht in Richtung panamaischer könnze fortsetzen.

Auch über die aktuellen politischen Verhältnisse in Nicaragua erfährt man wenig – offensichtlich ist aber alles noch vertrackter als damals, weshalb die Pläne der Behörden und Geheimdienste so undurchschaubar und beliebig bleiben, dass „Stars At Noon“ einfach keine Dringlichkeit entwickeln kann. Zumal der Film zwar irgendwann einfach behauptet, dass sich Trish nun wirklich in Daniel verliebt habe, man diesen Gefühlswechsel als Zuschauer*in aber gar nicht mitbekommt. Funken sprühen zwischen der (zu) überdrehten Margaret Qualley und dem (zu) gesetzten Joe Alwyn („The Favourite“) nämlich keine…

Fazit: Claire Denis dekonstruiert das Genre der vor allem in den Siebzigern und Achtzigern populären Abenteuer-Romanzen, in denen sich verschwitze Westler*innen in für sie viel zu heißen Krisengebieten (gerne mit gerade tobender Revolution) ineinander verlieben. Aber sobald sie mit der romantisierten Verklärung solcher Storys aufgeräumt hat, gibt es da wenig Eigenes, was sie stattdessen zu erzählen hätte – und so tritt „Stars At Noon“ einen Großteil seiner 135 Minuten bei brütender Hitze auf der Stelle.

Wir haben „Stars At Noon“ beim Filmfestival in Cannes 2022 gesehen, wo er als Teil des Offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

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