Kritik zu Samaritan: Sylvester Stallone zwischen “The Dark Knight Rises” und “Hancock”!

Kritik zu Samaritan: Sylvester Stallone zwischen "The Dark Knight Rises" und "Hancock"!
Written by admin

Denkt man an Sylvester Stallone, denkt man wohl kaum zuerst an Comic-Adaptionen – dabei ist ihm dieses Genre absolut nicht fremd: Nach seinem 90er-Jahre-Flop „Judge Dredd“ absolvierte er noch einen Cameo in „Guardians Of The Galaxy Vol. 2“ und sprach zudem in „The Suicide Squad“ die animierte Figur King Shark. Nun fügt er seiner Comic-Vita mit „Samaritan“ einen ungewöhnlichen Vertreter hinzu: „Escape Room“-Autor Bragi F. Schut verfasste die Story zwar ursprünglich als Drehbuch, adaptierte sie dann aber mangels Interessenten mit Marc Olivent und Renzo Podesta als Comic.

2019 sicherten sich dann doch noch MGM und Stallones Firma Balboa Productions die Rechte an dem Stoff – und so wurde aus dem zum Comic mutierten Drehbuch schließlich doch noch ein Film. Ursprünglich wurde der Film unter der Regie des „Operation: Overlord“-Machers Julius Avery als Kinoproduktion entwickelt, aber nach MGMs Übernahme durch Amazon wurde letztlich doch noch ein reiner Streaming-Start bei Amazon Prime Video draus. Schade, denn trotz gewisser Schwächen hat „Samaritan“ es nicht verdient, mit vielen von Stallones Direct-to-Video-Filmen auf eine Stufe gestellt zu werden.


Sam (Javon ‘Wanna’ Walton) ist sich sicher, dass sein griesgrämiger Nachbar in Wahrheit ein pensionierter Superheld ist.

Der 13-jährige Sam (Javon ‘Wanna’ Walton) ist überzeugt, dass sein neuer Nachbar Joe Smith (Sylvester Stallone) nicht einfach nur ein alter, zurückgezogen lebender Kauz ist. Sam schwört stattdessen, dass er sich bei ihm um den totgeglaubten Superhelden Samaritan handelt, der vor vielen Jahren Granite City von einem mächtigen Bösewicht befreit hat. Also versucht Sam, Joe davon zu überzeugen, etwas gegen die zunehmende Kriminalität zu unternehmen. Allen voran gegen den finsteren, zur Anarchie aufrufenden Cyrus (Pilou Asbæk). Doch Joe will lieber allein bleiben…

Zur Abwechslung judgendfrei

Es dauert nicht lange, bis sich zeigt, dass Sam offenbar einer heißen Spur nachgeht: Obwohl Joe es vehement verneint, verfügt er offensichtlich über übermenschliche Fähigkeiten. So verbeult er mit der bloßen Hand das Messer, mit dem ihn ein krimineller Halbstarker angreift. Szenen wie diese legen aber nicht nur offen, dass Joe mehr ist als ein Schrott sammelnder Einzelgänger. Sie zeigen auch, dass sich der mit Gewaltdarstellungen ansonsten absolut nicht geizende Regisseur Julius Avery diesmal nicht ganz in seiner Komfortzone befindet…

„Samaritan“ hat eine Freigabe ab zwölf Jahren respektive in den USA ein PG-13-Rating – und ist in diesem Bereich gut aufgehoben. Sam steht im Mittelpunkt und wird zwischen seiner Bewunderung für den Samaritan und schlechten Einflüssen hin- und hergerissen. Dabei obsiegen Sams blauäugige Faszination für den Samaritan-Mythos und seine Unfähigkeit, den vollen Umfang dessen zu begreifen, wie gefährlich die unter Cyrus’ Fuchtel stehenden Banden wirklich sind. Schut erzählt das in familiengerechten, gewitzten Dialogen und mit einer leicht zu begreifenden, sich nicht zu ernst nehmenden Ikonografie: In dieser Filmwelt muss auch mal mit zufriedenem Grinsen eimerweise Speiseeis gefuttert werden, um einen schweren Unfall zu verkraften.


Pilou Asbæk hat mächtig Spaß daran, böse zu sein.

Da ist eigentlich wenig Bedarf für drastische Gewaltspitzen – es reicht, mit etwas Nachdruck zu vermitteln, wie stark Joe ist und wie viel Ruchlosigkeit in Cyrus und Konsorten steckt. Aber wenn Avery diese Messerstechereien oder Faustkämpfe inszeniert, wirken sie weniger wie krachend-schmerzende Eskalationen auf FSK-12-Niveau und mehr wie grobmotorisch zensierte FSK-16-Gewalt. Die Abläufe mancher Gewaltspitzen sind aufgrund von Schnitt und Inszenierung derart unklar, dass es einen glatt aus dem Film herausreißt. Da hätte sich Avery noch mehr von „The Dark Knight Rises“ abgucken sollen, in dem Nolan während der Nahkämpfe auch ohne Blutfontänen exakt jene Schwere und Kraft vermittelt, die Avery hier zu erzeugen versucht.

Auch sonst scheint Nolans dritter Batman-Film heimlich Pate gestanden zu haben: Das beginnt mit den kühl-rauen Bildern einer zerfallenden Großstadt, über die einst ein Superheld wachte und dessen Abwesenheit sich nun deutlich bemerkbar macht. Und es gipfelt in einer Sequenz, in der Cyrus im pelzbesetzten Ledermantel und mit Maske eine zur Anarchie aufrufenden Ansprache hält, während der er plötzlich mit verzerrter Stimme in einem sonderbaren Singsang spricht. Es werden aber auch Erinnerungen an „Hancock“ wach, wenn der Pudelmütze tragende, unrasierte Supermensch mit grantigem Blick und ablehnender Haltung durch die Stadt stromert, um sich zähneknirschend für Heldentaten herzugeben.

Ein Starkes Duo

Ebenso lassen sich Vergleiche zu jüngeren Liam-Neeson-Titeln ziehen: Ein gealterter, graubärtiger Actionheld hadert damit, sein Eigenbrötler-Dasein zu beschützen, obwohl er langsam Pflichtgefühle für seinen Kinder-Sidekick entwickelt. Originell ist „Samaritan“ also nicht, jedoch fallt das nur sporadisch ins Gewicht. Zumeist gerät die Aneinanderreihung von Versatzstücken so leicht, dass „Samaritan“ zum gefälligen Selbstläufer wird. Das gilt insbesondere für die Dynamik zwischen Sam und Joe:

„Euphoria“-Star Javon ‘Wanna’ Walton spielt den neugierigen Buben zu gleichen Teilen mit wissbegieriger Bewunderung und mit einer pubertären Starrköpfigkeit. So sehr Sam den raubeinigen Einsiedler auch abfeiert, gefallen lässt er sich trotzdem nichts. Ganz im Gegenteil beweist er sogar, dass er dem Rentner-Superhelden wenigstens im verbalen Schlagabtausch ebenbürtig ist. Dabei wird vermieden, Sam zum neunmalklugen Dreikäsehoch zu machen. Stattdessen behauptet er sich als sympathische, makelbehaftete Identifikationsfigur. Welcher Teenie würde nicht gern einem fähigen, aber passiven Kerl älteren Semesters freundlich-bestimmt Feuer unter dem Hintern machen? Und welche erwachsenen Stallone-Fans träumen nicht davon, sich mit der Ikone zu messen, statt nur baff neben ihr zu sitzen?


Irgendwann gibt es kein Vertun mehr: Joe Smith (Sylvester Stallone) besitzt definitiv Superkräfte!

Stallone wiederum macht als gealterter Mentor zwar keine derart gute Figur wie in seiner großartigen „Creed“-Nebenrolle. Trotzdem liefert er eine den Film aufwertende Performance mit schroffem Charme. Ihm gelingt es zudem mit Leichtigkeit, Joes ständiges Ringen zwischen Passivität, Heldentum und vernünftiger Vorsicht zu vermitteln. „Game Of Thrones“-Veteran Pilou Asbæk dagegen suhlt sich in einer spaßig-abscheulichen Boshaftigkeit, die weit mehr Eindruck hinterlässt als seine Figur auf dem Papier rechtfertigt. Denn sowohl Cyrus’ Plan als auch die Folgen seines Handelns sind geradezu inkonsequent skizziert: Recht früh löst er weitreichende Unruhen aus, die im Film aber zunächst länger in den Hintergrund treten, bevor sie urplötzlich wieder von Belang sind.

Doch der unbeständigen Erzählstruktur zum Trotz erzählt „Samaritan“ nicht einfach nur eine austauschbare Gut-gegen-Böse-Geschichte, sonder schneidet dabei auch tiefergehende Fragen über Gerechtigkeit an. Sei es durch Behauptungen, dass der Samaritan einst nur ein weiterer Beschützer der Wohlhabenden war, während seine Nemesis am Status quo rüttelte. Oder etwa dadurch, dass sich Sam aus Alternativlosigkeit den Kleingangstern in seiner Stadt anschließt und erst dann Gewissensbisse entwickelt, als sie sich gegen ihn wenden.

Selbst wenn „Samaritan“ den Diskurs darüber, was uns zu guten oder schlechten Einflüssen für die restliche Gesellschaft macht, letztlich bloß sachte anstößt, leistet er doch mehr, als man von solch einem Film eigentlich erwarten würde. Wäre da nicht auch noch das in wenig überzeugenden, computeranimierten Flammen spielende Finale, ließe sich „Samaritan“ glatt als bodenständige Gegenantwort auf den aktuellen Superheldenfilm-Alltag empfehlen. So hingegen ist „Samaritan“ ein sicherer Streaming-Tipp für ältere Stallone-Fans, die jüngere Filmzuschauer*innen an ihren Helden heranführen wollen.

Fazit: Grundsolide Abwechslung zu den gängigen Comic-Blockbustern, die das Potenzial hatte, noch mehr zu sein. Mit „Samaritan“ fügt Sylvester Stallone seiner Vita einen weiteren Film hinzu, in dem er als knurrender Mentor gegen Willen die jüngere Generation berät – dieses Mal mit Superhelden-Twist. Und das ist trotz sprunghafter Erzählstruktur und einigen unnötig-grobschlächtig geschnittenen Kämpfen doch angenehm kurzweilig geraten.

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