Kritik zu Dead For A Dollar: Ein Western der ganz alten Schule

Kritik zu Dead For A Dollar: Ein Western der ganz alten Schule
Written by admin

Wenn am Ende von Walter Hills „Dead For A Dollar“ der Filmtitel erscheint, ist dieser mit einer Widmung an den bereits 2001 verstorbenen Budd Boetticher versehen. Der Regisseur von Filmen wie „Der Siebente ist dran“ ist inzwischen für seine minimalistisch-knappen Western berühmt, nachdem diese lange Zeit als bloße B-Movies gnadenlos unterschätzt wurden. Hill eifert Boettichter hier allerdings nur in Ansätzen nach. Die Widmung ist wohl mehr eine Verbeugung vor einem der größten Regisseure des Genres, der viel zu oft vergessen wird, wenn Namen wie John Ford oder Sergio Leone fallen. Dass Hill das offensichtlich sehr am Herzen liegt, verwundert natürlich nicht weiter.

Denn obwohl der inzwischen 80 Jahre alte Filmemacher mit seinem Drehbuch zu „Alien“ das Sci-Fi-Horror-Genre revolutionierte und als Regisseur von „Nur 48 Stunden“ quasi das Buddy-Action-Genre, so wie wir es heute kennen, erfand, ist und bleibt der Western seine große Liebe. Sechs Jahre nach seinem bis dato letzten, in Deutschland nie erschienenen Film „The Assignment“ kehrt er im Kino noch ein (wohl letztes) Mal zu „seinem Genre“ zurück. Das Spätwerk „Dead For A Dollar“ ist kein Film, über den man noch lange reden wird, sonder ein waschechter Old-School-Western, der so oder ganz ähnlich auch schon vor 30, 60 oder gar 90 Jahren hätte entstehen können…


Max Borlund (Christoph Waltz) and Alonzo Poe (Warren Burke) „retten“ Rachel Kidd (Rachel Brosnahan).

Kopfgeldjäger Max Borlund (Christoph Waltz) erhält vom einflussreichen Großgrundbesitzer Martin Kidd (Hamish Linklater) den Auftrag, seine Frau Rachel (Rachel Brosnahan) zu retten. Diese wurde angeblich von dem Armee-Deserteur Elijah Jones (Brandon Scott) entführt und nach Mexiko verschleppt. Dass der ihm zur Seite gestellte Sergeant Alonzo Poe (Warren Burke) schnell damit rausrückt, dass die Frau wohl gar kein Opfer ist, sondern die beiden vielmehr miteinander durchgebrannt sind, scheint Borlund wenig zu kümmern. Auftrag bleibt Auftrag!

Doch in Mexiko verkompliziert sich die Situation weiter. Die Gesuchten befinden sich in einem Landstrich, der von dem sich über dem Gesetz wähnenden Tiberio Vargas (Benjamin Bratt) und seiner Bande kontrolliert wird. Und da Vargas Geld versprochen wurde, wenn er dem flüchtigen Paar nach Kuba weiterhilft, will er die beiden nicht kampflos gehen lassen. Ebenfalls mittendrin dabei ist der erst vor wenigen Monaten aus der Haft entlassene Joe Cribbens (Willem Dafoe). Der will in Mexiko eigentlich ein neues Leben beginnen, hat aber geschworen, Borlund zu töten, falls er ihm noch einmal begegnet…

So wie man es früher schon gemacht hat

Überzogen mit einem sehr extremen Braunfilter sieht „Dead For A Dollar“ aus, als wäre er aus der Zeit gefallen. Nur die bekannten Stars vor der Kamera weisen den Western als einen modernen Film aus. Passend dazu versucht Hill auch gar nicht erst, das Genre neu zu erfinden oder zumindest weiter zu drehen. Es wirkt stattdessen so, als wollte er einfach noch einmal einen Western machen, wie er ihn von früher kennt und bei dem er sich in den besten Momenten ganz aufs Wesentliche konzentriert.

Fast nichts wird hier überinszeniert (ein sehr cooles Peitschenduell ist dann aber doch ein toller Kniff), insbesondere nicht die Shootouts. Drei Schüsse daneben, dann ein Treffer und fertig ist das Ganze. Diese Knappheit spiegelt sich teilweise auch in den Dialogen wider. Als Borlund einen Mann erschießt und die Kugel dabei Rachels Kopf nur um wenige Zentimeter verfehlt, merkt sie an, dass er aber ein ganz schönes Selbstbewusstsein bezüglich seiner Treffsicherheit besitzen müsse. Ein simples „Nein“ ist die Antwort des den ganzen Film über undurchsichtig bleibenden Kopfgeldjägers. Wenn er später immer mal wieder auch danebenballert, wird uns noch mal bestätigt, dass wir es hier tatsächlich nicht mit einem Kino-typischen, sprich unfehlbaren Revolverheld zu tun haben.


Willem Dafoe wartet darauf, dass ihn die Story endlich wieder mit Christoph Waltz zusammenbringt.

Weitestgehend lässt Hill die (viel zu vielen) Figuren aber dann doch sehr um sich selbst kreisen. Der Freundschaft der nun auf unterschiedlichen Seiten stehenden Poe und Jones gibt er einige starke Momente, aber gerade die in den ersten Minuten des Films eigentlich als zentralen Konflikt etablierte Rivalität zwischen Borlund und Cribbens kommt kaum zum Tragen. Trotz einiger starker Momente wirkt Willem Dafoe („Florida Project“) dann auch die meiste Zeit über wie ein Auswechselspieler, der auf der Bank (bzw. am Skat-Tisch im Saloon) darauf wartet, endlich ins Spiel gebracht zu werden.

Nicht nur Dafoes Figur wirkt wie ein Überbleibsel des ursprünglich bereits im Jahr 2000 fertiggestellten Drehbuchs von Matt Harris („Der Vogel“), welches Hill in der Zwischenzeit noch einmal massiv überarbeitet hat. Auch einige Andeutungen scheinen aus einer anderen Version zu stammen. Wenn klar wird, dass es in der kleinen mexikanischen Stadt irgendwann zum Showdown kommen wird, macht Borlund schnell klar, einen Plan zu haben. Doch der spielt dann gar keine Rolle mehr, sonder wie alle anderen Figuren lässt er einfach über sich ergehen, was nun passieren wird. Viel wird in „Dead For A Dollar“ einfach darauf gewartet, dass die andere Seite agiert …

Die Unaufgeregtheit als größte Stark

… und gerade das setzt Hill mit einer wunderbaren Unaufgeregtheit in Szene, die sich auch in der Erzählung findet. Dass Jones und Poe Schwarz sind, spielt nur ganz am Rande eine Rolle. Auch den mexikanisch-amerikanischen Konflikt bauscht Hill nicht auf, sondern lässt ihn einfach nebenher versanden. Spätestens wenn der auf den ersten Blick als Prototyp des gemütlich-wegschauenden, korrupten Gesetzeshüter erscheinende Sheriff sich beschämt zeigt, dass sich ein Untergebener schmieren ließ, unterstreicht Hill noch einmal die komplex Menschlichkeit seiner Figuren.

Diese vor allem von der großartigen „The Marvelous Mrs. Maisel“-Emmy-Gewinnerin Rachel Brosnahan verkörperte Seite ist dann vielleicht auch die größte Stärke von „Dead For A Dollar“. Ebenfalls ein Ereignis ist es aber auch jedes Mal, wenn die volle Breite der Leinwand ausgenutzt wird, sich plötzlich ein großes Gesicht ins Bild schiebt und man einfach spürt, in einem Western der alten Schule zu sitzen – und dass dieser dann noch von niemand geringerem als Walter Hill inszeniert wurde, erzeugt zudem noch ein ganz eigenes wohliges Gefühl.

Fazit: Womit wohl nur noch die allerwenigsten gerechnet haben, ist nun tatsächlich passiert: Walter Hill hat noch einmal einen Western gedreht. Der besticht vor allem dadurch, dass er einfach existiert.

Wir haben „Dead For A Dollar“ im Rahmen des Filmfestivals in Venedig gesehen, wo er außer Konkurrenz seine Weltpremiere gefeiert hat.

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