Filmregisseur Dominik Graf wird siebzig Jahre alt

Filmregisseur Dominik Graf wird siebzig Jahre alt
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Man kommt leicht in Versuchung, die Sätze, die Dominik Graf über andere Regisseure geschrieben hat, auf ihn selbst zu beziehen. Etwa über Robert Altman, der mit seinen frühen Filme den „bösen Rand des Mainstreams“ besetzte, bevor er mit „Nashville“ zur Ikone des Independent-Kinos wurde. Oder über Rossellini, der ein „absoluter Chefdirigent der Umsetzung von Gefühlen in Orte“ war. Oder über den Chabrol der frühen Siebzigerjahre, bei dem die Schauspieler in einer Weise triumphieren, „dass einem angst und bange wird vor ihrer Größe“.

All das gilt, wenngleich unter anderen Vorzeichen, auch für Dominik Graf, der am Rand des hiesigen Mainstreams seit fast vierzig Jahren die aufregendsten und unberechenbarsten Filme dreht, die es im deutschen Kino gibt. Es gilt für sein Gespür für den Gefühlszauber von Orten ebenso wie für die Schauspieler und, mehr noch, die Schauspielerinnen, die unter seiner Regie aufzuleuchten beginnen: Natja Brunckhorst und Martina Gedeck in „Tiger, Löwe, Panther“, Anica Dobra in „Spieler“ , Gudrun Landgrebe in „Die Katze“, Karoline Eichhorn in „Der Felsen“, Hannah Herzsprung und Henriette Confurius in „Die geliebten Schwestern“ und zuletzt Saskia Rosendahl neben Tom Schilling in der Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“. Die alte Maxime von Truffaut, im Kino gehe es darum, mit schönen Frauen schöne Dinge zu machen, hat hierzulande niemand so konsequent umgesetzt wie sein skeptischer Verehrer Graf.

Sein erster großer Kinoerfolg: „Die Katze“ with Götz George, 1988





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Filmed by Dominik Graf
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Eine wagemutigere Art von Kino

Nur einmal wollte auch Dominik Graf ein Teil des Mainstreams sein. Das war 1994, als sein 12-Millionen-D-Mark-Projekt „Die Sieger“ in die Kinos kam. Sechs Jahre zuvor hatte Graf mit „Die Katze“ bewiesen, dass er einen Bankraub-Thriller spannender inszenieren konnte als jeder andere in Deutschland, und jetzt versuchte er diesen Erfolg mit einer vertrackten Geiselnehmergeschichte zu wiederholen. Es war der Kulminationspunkt einer Entwicklung, die Graf 2016 in zwei langen Essayfilmen nachgezeichnet hat, die scheinbare Verwirklichung des Traums vom deutschen Genrekino, wie ihn Regisseure wie Klaus Lemke und Wolfgang Petersen seit den Sechzigerjahren geträumt hatten.

Mit den „Siegern“ kam das böse Erwachen. Das deutsche Komödienkino triumphierte, der Kassenerfolg des Jahres war Sönke Wortmanns „Bewegter Mann“, während Grafs Film auf einem hinteren Platz landete. Seither muss Dominik Graf mit dem Widerspruch leben, gleichzeitig Exponent und Widersacher der deutschen Kinobranche zu sein. Deren Knechtung durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat er, der bessere Filmtexte schreibt als die meisten Filmkritiker, immer wieder beklagt; zugleich dreht er Jahr um Jahr freche, wagemutige „Tatort“- und „Polizeiruf 110“-Folgen. Die Mangelbudgets, die den „Siegern“ und wohl auch dem DDR-Melodram „Der Rote Kakadu“ (2006) die Luft abgedrückt haben, setzt er in Kostümfilmen wie „Das Gelübde“ und den „Geliebten Schwestern“ und Krimiserien wie „Im Angesicht des Verbrechens“virtuos ein. Und mit „Fabian“ hat er schließlich noch das Kunststück einer Literaturverfilmung vollbracht, die Autoren-, Genre-, Liebesfilm und historischer Essay in einem ist.

Ein Kino „der gänzlich un-deutschen, unerwarteten und unseriöseren Sorte“, wie er es in einem Aufsatz für die FAZ gefordert hat, bleibt bei uns dennoch ein Traum. Aber der Deutsche Film ist nicht verloren, solange es darin Platz gibt für einen genialen Rebellen wie Dominik Graf. Heute wird er siebzig Jahre alt.

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