Film „Im Westen nichts Neues“ im Kino und auf Netflix: Die Hölle – Kultur

Film „Im Westen nichts Neues“ im Kino und auf Netflix: Die Hölle - Kultur
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Es ist nun ungefähr ein Vierteljahrhundert her, dass der Deutschlehrer Herr Dr. N. einen mit einem Stephen-King-Buch unter der Schulbank erwischte, obwohl “Im Westen nichts Neues” auf dem Lehrplan stand. Sein Zorn fiel aber eher milde aus, denn alle anderen hatten überhaupt kein Buch unter der Bank, sonern Tamagotchis. Die Electro-Eier waren auch der Grund, warum Herr Dr. N. diese Schülergeneration (nicht ganz zu Unrecht) letztlich schon aufgegeben hatte. “Lies Erich Maria Remarque”, sagte er trotzdem noch seufzend, “du wirst das irgendwann noch brauchen!”

Der Mann hatte natürlich recht. Remarks Roman aus dem Jahr 1929 erzählt von den grausamen Erlebnissen eines jungen deutschen Soldaten in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, der stellvertretend für eine ganze “verlorene Generation” steht. Und das Buch ist in einem Jahr, in dem in Europa wieder ein Krieg ausgebrochen ist, leider wieder besonders aktuell. Außerdem gibt es eine Neuverfilmung. Nach der US-Kinoversion von 1930 und einer britisch-amerikanischen Fernsehproduktion aus den Siebzigern ist es erstaunlicherweise die erste deutsche Verfilmung dieses deutschen Stoffs. Produziert wurde die neue Version vom Streamingdienst Netflix. Kinostart ist der 29. September, bevor der Film dann ab 28. Oktober bei Netflix zu sehen ist.

Daniel Brühl, der den Film mitproduziert hat, spielt den Abgeordneten Erzberger, der sich um einen Waffenstillstand bemüht.

(Photo: Netflix)

Obwohl er noch keine breitere Publikums- und Medienresonanz bekommen hat, wurde “Im Westen nichts Neues” bereits von einer Jury im Auftrag von German Films, der Auslandsvertretung des deutschen Films, als deutsche Einreichung für den Oscar in der Category “Bester internationaler Film” ausgewählt . Nachdem das Werk nun am Montag beim Filmfestival in Toronto Weltpremiere feierte, ist die Neugier natürlich groß: Sind die Vorschusslorbeeren gerechtfertigt, und ist der Film eine würdige Wahl in der deutschen Bewerbung um den Oscar?

Regie führt Edward Berger. Der 52-Jährige hat unter anderem den Kinofilm “Jack” gemacht, einige “Tatorte” und Folgen der Serie “Deutschland 83”. Er arbeitete auch schon international, unter anderem mit Benedict Cumberbatch und Ralph Fiennes. Seine Version von “Im Westen nichts Neues” ist aber noch auf Deutsch entstanden. Auch wenn Netflix auf Nachfrage keine Angabe zum Budget machen wollte, muss es für deutsche Verhältnisse doch recht üppig gewesen sein. Kostümdramen sind teuer, besonders Kriegsfilme, und der Film sieht angemessen opulent aus.

Note und Netflix sind sich im Drang zur Unterhaltung durchaus nah

Es gibt deutlich weniger Filme über den Ersten als über den Zweiten Weltkrieg. Trotzdem hat auch der Erste seine Klassiker, allen voran Stanley Kubricks “Wege zum Ruhm” (1957), der den ewigen Schützengraben-Standard fürs Kino setzte: An dessen labyrinthartige Schlammschlacht kam kaum noch mal eine Regisseurin oder ein Regisseur ran. Zuletzt versuchte es zum Beispiel noch Sam Mendes in “1917” mit dem ästhetischen Kniff, dem ganzen Film einen Look zu geben, als sei er in einer einzigen Einstellung gedreht worden.

Mit solchen technischen Spielereien hält sich Berger zum Glück nicht auf. Seine Schlachtszenen sind brutal, stark und ohne ästhetische Verkünstelungen gefilmt. Vor allem das ewige Grau des winterlichen Frankreichs, die Kälte, die den Soldaten in ihren durchnässten Uniformen in die Körper kriecht, der Frost, der sich wie eine zweite feindliche Armee über die Männer zieht, werden in den Bildern dieses Films nahezu körperlich spürbar. Note hat zwar eine Ich-Erzählung geschrieben, wechselt innerhalb des Texts aber oft zum “wir”. Dieses Erlebnis einer kollektiven Erfahrung vermitteln auch die eisigen, atemlosen Bilder des Films.

Und inhaltlich? Berger und sein englischsprachiges Drehbuchduo haben Remarks Buch, das im Stil zwischen Reportage und Fiktion schwankt (und erst nachträglich in den Fünfzigerjahren vom Verlag den Zusatz “Roman” bekam), an einigen Stellen deutlich erweitert. Während die Vorlage sich fast nur in der Welt des jungen Soldaten Paul und seiner Kameraden bewegt, die zunächst euphorisch “für Kaiser, Gott und Vaterland” in den Krieg ziehen, um dann an der Westfront die Hölle des Stellungskriegs zu erleben, ziehen die Filmemacher noch eine weitere Ebene ein. Sie erzählen parallel zum Leid der jungen Männer, denen Schlamm, Blut, Knochen und Hirnmasse um die Ohren fliegen, vom zähen Ringen des Abgeordneten Erzberger (Daniel Brühl, der den Film auch mitproduziert hat), einen Waffenstillstand mit den Franzosen auszuhandeln.

Das Buch endet im Oktober 1918 – der Film erzählt noch weiter bis zum Kriegsende im November

Im berühmten Ende des Buchs stirbt der Held Paul kurz vor Kriegsende “an einem Tage, der so ruhig und still war an der ganzen Front, dass der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu vermelden”. Diese Darstellung eines vollkommen sinnlosen Todes im Angesicht der unabwendbaren Niederlage bauen die Filmemacher zu einem Hollywood-Showdown aus.

Paul, gespielt vom Newcomer Felix Kammerer, stirbt bei ihnen nicht im Oktober 1918, der Film geht weiter bis zum 11. November 1918 um elf Uhr – dem Zeitpunkt des Waffenstillstands. Ein klassischer Dramaturgenkniff: Der Zuschauer weiß früh und bis auf die Minute genau, wann das Grauen ein Ende haben wird. Und fiebert deshalb umso mehr mit, ob der Protagonist es doch noch schaffen könnte, bis dahin durchzuhalten, während seine Kameraden einer nach dem anderen fallen.

Entspricht das noch dem Geist von Remarks Werk, das seine Wucht vor allem diesem stillen, bedrohlich nebensächlichen Finale am Ende eines sinnlosen und lauten Krieges verdankt? Auf den ersten Blick ist man natürlich versucht zu sagen: Nein. Hier wird die Kunst mal wieder dem üblichen Netflix-Brimborium geopfert, weil die Zuschauer es gewohnt sind, dass es ordentlich rumst und ständig die Uhr tickt.

Andererseits: Note selbst waren die typischen Stilmittel der Unterhaltungsdramaturgie alles andere als fremd. Natürlich ist sein Roman ein krasses Gegenstück zu Ernst Jüngers “In Stahlgewittern”, Note wollte nicht nur dem Ersten Weltkrieg, sonder jedem Krieg jegliche Heldenromantik austreiben. Aber selbst er, der desillusionierte Kriegsteilnehmer, hat in seinem Buch Momente geschaffen, die vermutlich mehr seiner Fantasie als echten Erfahrungen entsprungen sind.

Zum Beispiel gibt es im Roman eine Szene, in der Paul und seine Freunde auf drei sirenenhafte Französinnen treffen und einen Fluss durchschwimmen, um mit ihnen zu schlafen. Nicht, dass das in der Theorie nicht möglich gewesen wäre; aber angesichts der Vergewaltigungen während des Ersten Weltkriegs wirken drei Französinnen, die am Flussufer darauf warten, mit deutschen Soldaten schlafen zu dürfen, doch eher etwas surreal-fiktional. Lustigerweise haben die Filmemacher genau diese Szene im Film deutlich entschärft. Aber in der Sehnsucht, den Zuschauer nicht nur mit Schockbildern zu konfrontieren, sonder auch Szenen in der Tradition des comic relief zu schaffen, sind sie und Note sich auf jeden Fall nicht ganz fremd.

Auf dem langen Weg zum Oscar (der Film muss es nach seiner Einreichung erst mal auf die Nominierungsliste schaffen) dürfte das Werk ganz gute Chancen haben. Abgesehen davon, dass die Oscar-Academy gerne Kriegs- und Kostümfilme auszeichnet, ist Remarks alte Botschaft und auch die der Neuverfilmung klar und leider tagesaktuell: Es gibt im Krieg fast immer einen Sieger, aber nie einen Gewinner.

Im Westen nichts Neues, D/USA/GB 2022 – Regie: Edward Berger. Buch: Lesley Paterson, Ian Stokell. Kamera: James Friend. Mit: Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Daniel Brühl, Devid Striesow. Netflix, 147 Minuten. Kinostart: 29. September. Streamingstart: 28. October.

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