Diese 11 Lektionen lernen wir (nicht fürs Leben)

Diese 11 Lektionen lernen wir (nicht fürs Leben)
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Sie trägt die Labornummer 11. Er die 1. Das schweisst sie ungut zusammen. Jamie Campbell Bower and Millie Bobbie Brown.Picture: Netflix

Mit ein paar Demispoilern. Also ganz kleinen Spoilern, die man eigentlich gar nicht als solche bezeichnen kann.

Simone Meier
Simone Meier

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Die wichtigste Lektion

Traue niemals einer unmotiviert im Wald herumhängenden Uhr! Sie ist nicht etwa Teil einer Openair-Ausstellung von Salvador Dalí, nein, sie signalisiert ganz banal, dass das letzte Stündchen bald schlägt.

Auch nicht trauen darfst du der Wissenschaft

Protoners wie Doctor Brenner aka “Papa” (Matthew Modine) werden im Fantasy-Genre zuverlässig von Allmachts- und Machbarkeitswahn übermannt. Brenner macht Experimente mit hochbegabten Kindern, manipuliert und foltert sie und wundert sich dann, wenn sie sich gegenseitig umbringen und zu Monstern oder Superheldinnen werden. Verschwörungsschwurbler haben ihre Freude.

Ebenfalls schwierig: Geheimdienste

Weil sie stets im Dienst von was Geheimnisvollem, Undurchsichtigem auf der Jagd nach so ziemlich allem sind, was irgendwie überdurchschnittlich ist und das biedere Gleichgewicht der Vereinigten Staaten aus dem Lot bringen könnte.

Winona Ryder in Russia.

Winona Ryder in Russia.Picture: Netflix

Ganz schwierig: Russen

Wissen wir natürlich, aber in “Stranger Things” herrscht ja nicht der aktuelle, sondern immer noch der Kalte Krieg, weshalb im archaischen Russland auch immer Tiefschnee liegt (wieso eigentlich? In den USA tragen die Teens derweil höchstens Trainerjäckchen). Und weil die russische Zivilisation derart weit hinter der amerikanischen zurückliegt, veranstalten sie dort auch noch sowas wie Gladiatoren-Kämpfe: also Gefangene gegen Demigorgone. Clear. Demigorgone sind Monster, die anstelle eines Kopfes HR Gigers aufplatzende, bezahnte Alienblüten auf dem sehnigen Körper tragen.

Ein Demigorgon in Russia.

Ein Demigorgon in Russia.Picture: Netflix

Das absolut Gute: Kate Bush

wow. Wer hätte das gedacht? Kate Bush selbst am allerwenigsten. Aber jetzt bewahrt ihr 1985er-Song “Running Up That Hill” das Mädchen Max ewig lange vor dem Obermonster. Bis Max’ Kassettengerät von einem rechten blonden Bully zerstört wird. Musik als Schutzzauber, wer kennt es nicht? Und mit Kate Bush hält neben Winona Ryder noch so eine leicht ätherische Überlende aus den 80ern in “Stranger Things” Einzug. Fast vierzig Jahre später wird Kate Bushs Song durch “Stranger Things” an die Weltspitze der Charts katapultiert. Das gebeutelte Grossbritannien feiert sie gar als eine wohltuende Wiederkunft klassischer englischer Kulturwerte.

Das Misslungene: Highschool-Nostalgia

Folge eins und zwei versinken viel zu lange in der Darstellung von Schulproblemen, Mannschaftsspielen, Cheerleading und Rollschuhdisco. Reines Füllmaterial und dramaturgisch schlecht genutzt, dazu ewige Rückblenden, aber zum Glück gehts dann ab Folge drei endlich wieder los mit den Abenteuern unerschrockener Kids.

Wer ist eigentlich die Zielgruppe?

Go ausser Kinder. Obwohl “Stranger Things” eine Geschichte von Kindern, die ausziehen, um die Unterwelt zu überwältigen, erzählt. Die vierte Staffel ist – gerade in der Darstellung von Gewalt gegen Kindern – ultrabrutal. Laborfolter im Wassertank, Schläge, multipel brechende Glieder, ausgestochene Augen, geschlachtete Kinder …

Wer ist die härteste Kritikerin?

Eleven. Also die Schauspielerin Millie Bobby Brown. Sie hält den Duffer Brothers, den Schöpfern der Serie vor, dass sie zu wenig “Game of Thrones” gewagt hätten. Dass sie ihre Hauptfiguren zu sehr verschont hätten, wo doch GoT gezeigt habe, dass die schockhaften Tode von Publikumslieblingen zu den Höhepunkten der Serie gehört hätten. Da hat sie recht – obwohl es natürlich Dutzende von Nebenleichen gibt –, in den vier Stunden der beiden finalen Folgen wäre da noch einiges an Publikumsemotionen erpressbar gewesen und das Personal, das bleibt, ist inzwischen schon sehr gross. Man hätte auch Eleven töten dürfen, sagt Eleven.

Ihnen dämmert was: Dustin (Gaten Matarazzo), Mike (Finn Wolfhard) and Max (Sadie Sink).

Ihnen dämmert was: Dustin (Gaten Matarazzo), Mike (Finn Wolfhard) and Max (Sadie Sink).Picture: Netflix

Wer hat die grösste Zukunft im Showbiz vor sich?

Neben Millie Bobby Browndie mit ihren “Enola Holmes”-Projekten, ihrer Kosmetiklinie und ihrem Boyfriend Jake Bongiovi dem Sohn von Jon Bon Jovi neben “Stranger Things” bereits eine ganze Celebrity-Parallelwelt aufgezogen hat, ist das ganz klar Maya Thurman Hawke. Die Tochter von Uma Thurman und Ethan Hawke spielt ihre Rolle als Robin Buckley mit einer derart beweglichen, grossmäuligen und zugleich zerbrechlichen Leichtigkeit, dass jede Einstellung auf ihr Gesicht eine Freude ist.

Gemacht hat sich auch Gaten Matarazzo als Dustin Henderson, da ist neben all seinen geliebten Clownerien eine beeindruckende neue Tiefe zu erkennen, die besonders im Finale bestens zur Geltung kommt. Umwerfend natürlich auch Sadie Sink als Max Mayfield. Bei der ganzen Retroseligkeit der Duffer Brothers stellt sich die Frage, ob Max nicht eine Referenz an eine früher einmal so herzige Kinderdarstellerin namens Lindsay Lohan ist.

Die Zwei vom Filmverleih: Joe Keery und Maya Thurman-Hawke als Steve und Robin.

Die Zwei vom Filmverleih: Joe Keery und Maya Thurman-Hawke als Steve und Robin.Picture: Netflix

Wird das Finale nicht langweilig?

Nein! Nein, nein, nein! Okay, ein bisschen. Liebes- und Freundespaare müssen sich ewig ihre Zuneigung versichern. Immer denkt man: Aha, eins von beiden stirbt jetzt! Tut es nicht. Aber der Kampf der Kids gegen das Übermonster Vecna, das in einer Spiegelwelt ihrer eigenen haust, die ganz aus Feuer, Fledermausdrachen und Menschen erstickenden Wurzelschlangen besteht, ist super. Da trifft kindlicher Einfallsreichtum auf dystopische Machtentfaltung, es gibt einen Etappensieg, aber keinen endgültigen, schliesslich geht es noch eine Staffel lang weiter. Das Schlussbild ist betörend schön und atemberaubend, eine zweigeteilte Wiese, Blumenteppich und Brandnarbe und dahinter die rauchenden Trümmer von Hawkins, einer Kleinstadt im Mittleren Westen, am Rand des Bible Belts, wo Aberglauben und Aufklärung einander gute Nacht sagen.

Wo Vecna ​​wandelt, verwandelt sich die Welt in eine rote Hölle.

Wo Vecna ​​wandelt, verwandelt sich die Welt in eine rote Hölle.Picture: Netflix

Fazit

Diese Staffel besitzt mehr Budget, mehr Monster, mehr Länge, mehr Personal, mehr Schauplätze – die überraschenden Ideen halten sich dagegen in Grenzen, da wird grosszügig ausgewalzt, was man schon hat. Winona Ryder und Kate Bush gefallen auch den alten Leuten, für die jungen gibts eh genug Identifikationsmaterial. Alle Monster machen grosse Freude und setzen beim Zuschauen unweigerliche sämtliche Stresshormone frei. Nimmt man dabei eigentlich ab?

Treibstoff ist wie immer bei “Stranger Things” die Nostalgia. Modisch, musicalisch, medial. Eine Sehnsucht nach vordigitalen Zeiten, als die alten Leute unter uns selbst Kinder waren und die menschengemachte Weltordnung niemanden zu überraschen vermochte. Weshalb is umso leichter fällt, ein paar Märchenmonster auf jene Zeit der Unschuld zu projizieren. Und Nostalgie gepaart mit Eskapismus und dem kathartischen Moment, den Horror fürs Publikum immer innehat, funktioniert angesichts der bedrohlichen und schwer verständlichen Weltlage eben so perfekt wie Kate Bush im Kampf gegen das Böse.

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