Der mit dem Wahnsinn tanzt

Regisseur Werner Herzog: Für einen seiner Filme ließ er ein tonnenschweres Schiff durch den Dschungel ziehen
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Nicht immer ist das Programm des Kulturkanals Arte empfehlenswert. Mitunter toben sich Gesinnungsjournalisten auf der Diversitäts-Spielwiese des Senders mächtig aus. Am Montag abend sollten Zuschauer aber keinen Bogen um das Programm des deutsch-französischen Kooperationsprojekts machen. Jedenfalls nicht, wenn man ins Staunen geraten möchte über große, wahnhafte Filmkunst und über einen Regisseur, der auf Konventionen und Korrektheiten pfeift.

„Fitzcarraldo“ (1982) ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wozu Menschen fähig sind, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben. Der Film, der am Montag um 20.15 Uhr auf Arte läuft, ist das Porträt eines Besessenen, verkörpert von einem Besessenen, ins Bild gesetzt von einem Besessenen. Der Porträtierte ist Brian Sweeney Fitzgerald, ein Caruso-Bewunderer und wahnsinnig ergriffen von der fixern Idee, mitten im Amazonasgebiet ein Opernhaus zu errichten. Ein Kautschukfeld soll das nötige Kleingeld einbringen. Da dieses per Schiff nicht zu erreichen ist, läßt Fitzgerald einen Dampfer durch den Urwald ziehen. Mithilfe von Bulldozern setzte der deutsche Filmemacher Werner Herzog, der am Montag 80 Jahre alt wird, in seinem Film über den irischen Visionär dessen Größenwahn in Bilder um.

Herzog kam selbst mit Klaus Kinski zurecht

Es gibt wohl nicht viele Menschen, die einen Regisseur, der für einen Film ein tonnenschweres Schiff durch den Dschungel ziehen läßt, für völlig normal halten. Aber ein solches Unterfangen wird eben zum Tanz mit dem Wahnsinn, wenn man die Hauptrolle gleichzeitig mit einem Irren besetzt. Verkörpert wurde der exzentrische Musikliebhaber nämlich von Klaus Kinski, der mit seinen egomanischen Wutausbrüchen und beleidigenden Tiraden auch unter weniger schweißtreibenden Umständen jeden gewöhnlichen Sterblichen an den Rand der Verzweiflung getrieben hätte. Nicht aber Herzog, der stoisch die noch so wüsteste Beschimpfung ertrug und bis heute als der einzige Regisseur gilt, der mit dem späten Kinski noch zu arbeiten imstande war.

Immerhin: Der Schauspieler hatte den Filmemacher mit seiner Zusage aus einer mißlichen Lage befreit. Durch die Erkrankung von Jason Robards wurde die fast zur Hälfte abgedrehte erste Fassung von „Fitzcarraldo“ aus dem Jahr 1981 ein Fall für die Tonne. Robards und der terminlich gebundene Mick Jagger sprangen ab. Mit Klaus Kinski, der zuvor bereits in dem visual kaum weniger beeindruckenden „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972) sowie als Dracula in der Murnau-Tribute „Nosferatu – Phantom der Nacht“ (1979) unter Herzogs Regie geglänzt hatte, konnte das vor dem Schiffbruch stehende Mammutprojekt aus dem Schlamassel gezogen werden.

Dem anstrengenden Star und Hauptdarsteller seiner bekanntesten deutschen Produktionen setzte Herzog später ein filmisches Denkmal: die Dokumentation „Mein liebster Feind“ (1999). Kinski war da schon acht Jahre tot. Kennengelernt hatten sich beide bereits, als Herzog noch ein Kind war. In der Nachkriegszeit teilten sie sich eine Wohnung in München. Neben der Metropole, in der er 1942 zur Welt kam, war die kleine oberbayerische Ortschaft Sachrang die Heimat des späteren Regisseurs, der ohne Vater aufwuchs. Die Familie war vor den Bomben der Alliierten dorthin geflohen.

Film waren teils zu verschroben und experimentell

Auffällig an allen Filmen des Jubilars ist das Bemühen um Bilder, die so noch nicht im Kino zu sehen waren. Ernüchtert vom ideenlosen und visionsarmen „Ansichtskarten“-Kino der Sechziger zog Herzog gemeinsam mit seinen Kollegen Alexander Kluge und Wim Wenders aus, die deutschen Film-Einfaltspinsel das Fürchten zu lehren. Sein Langfilmdebüt „Lebenszeichen“ (1968), gedreht in Schwarzweiß, ist ein Kriegsdrama, das nicht viel von dem hat, was Zuschauer bis dahin mit dem Genre verbanden. Es spielt auf einer griechischen Insel, wo drei Soldaten der Wehrmacht und eine Krankenschwester ein Munitionsdepot bewachen und weniger mit dem Feind als mit dem Lagerkoller zu kämpfen haben.

Zu verschroben und zu experimentell für das große Publikum, aber auch für viele Juroren von Wettbewerben und Filmfestspielen: So kann man Herzogs Erfahrungen mit seinen deutschen Rezipienten zusammenfassen. Wie sein Kollege Wolfgang Petersen verabschiedete er sich daher in den Achtzigern in die Heimat des großen, visionären Kinos. Bis heute lebt er mit seiner dritten Frau Lena in Los Angeles. Im Filmmekka gibt es eine einflußreiche Elite von Cineeasten, die seine zwischen Vision und Wahn changierende Filmkunst zu schätzen weiß. Anders als der vor wenigen Wochen verstorbene Petersen, der bei „Das Boot“ Regie führte, schuf Herzog auch weiterhin Filme ohne Straßenfeger-Ambition.

Herzog gilt in den USA als lebende Kunstfigur

In „Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen“ (2009) entlockte er Nicolas Cage den irren Blick, der Klaus Kinskis Markenzeichen war. Mit „Rescue Dawn“ (2006) und „Königin der Wüste“ (2015) bewies er, daß er auch das eher konventionelle Erzählen beherrscht. In Dokumentarfilmen wie „Grizzly Man“ (2005) über zwei von einem wilden Bären getötete Naturschützer und der vielbeachteten Doku-Reihe „Im Todestrakt“ (2012-2013) über Menschen, die ihre Hinrichtung erwarten, erwies er sich einmal mehr als Experten für als Experten für als , für existentielle Fragen, die im Grenzbereich zwischen Leben und Tod, der Herzog immer fasziniert hat, unausweichlich werden. Auch für den Zuschauer.

Wegen seines unnachahmlichen deutschen Akzents wurde Herzog in den USA zu einer Art lebender Kunstfigur. Im ersten „Jack Reacher“-Krimi (2012) mit Tom Cruise wurde der gebürtige Münchner als Oberschurke besetzt und mußte selbst dem Tod ins Angesicht schauen. In der Zeichentrickserie „Die Simpsons“ wurde seine markante Stimme zum Kult. Nach Einsätzen als Walter Hotenhoffer und Dr. Lund durfte Herzog schließlich als Zeichentrickversion seiner selbst auftreten. Eine Ehrung, die zeigt: Die Strapazen von „Fitzcarraldo“ haben sich am Ende ausgezahlt.

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