Der Film „Das Glücksrad“ von Ryusuke Hamaguchi

Der Film „Das Glücksrad“ von Ryusuke Hamaguchi
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In der ersten Geschichte sitzt Meiko mit ihrer Freundin Tsugumi im Taxi, und Tsugumi erzählt von ihrem Date mit einem Mann. Es sei Magie dabei im Spiel gewesen, sagt sie, und: „Es war, als würden wir uns mit Worten streicheln.“ seine frühere Freundin quälte, die ihn vor zwei Jahren verlassen habe. Aber schon bald werde sie ihn wiedersehen.

Meiko Schweigt. Dann steigt Tsugumi aus, und Meiko bittet den Taxifahrer, umzudrehen und sie in die Tokioter Innenstadt zurückzubringen. Dort läuft sie zum Eingang eines Bürohauses. In einem der oberen Stockwerke, hinter einer Glastür, sitzt ein Mann im grünen Hemd und heller Hose vor seinem Computerbildschirm. Meiko erzählt ihm von ihrem Gespräch mit Tsugumi, dann sagt sie: „Ich habe gemerkt, dass du das sein musst.“

Episodenfilme haben im Kinogeschäft einen schlechten Ruf. Sie gelten als mindere Fiktionsware, als Flickenteppich aus Restmaterial, das für einen ganzen Spielfilm nicht ergiebig genug war. Das deutsche Kino zumal scheut die episodische Form wie der Teufel das Weihwasser. Lieber bindet man fünf verschiedene Frauenporträts zu einem Strauß, wie es Karoline Herfurth in „Wunderschön“ getan hat, statt jedem einzelnen sein Eigengewicht zu lassen. Dabei gibt es Geschichten, die sich auf der kurzen Strecke viel besser entfalten lassen als auf der langen. Ein Leben, ein Schicksal zieht sich zusammen auf einen Punkt, an dem sich entscheidet, wie es weitergeht mit ihm oder ihr. Oder zwei Leben. Oder drei. In der Literatur gibt es einen Gattungsbegriff für diese Form der konzentrierten Erzählung: Novelle. Im Kino ist der Begriff für die Sache noch vakant. Das Erzählen bleibt in der Schwebe.

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„Das Glücksrad“





Video: FilmKinoText, Bild: FilmKinoText

Am Anfang des Films „Das Glücksrad“ erscheint ein Insert: „Ryusuke Hamaguchi’s Short Stories“. Ryusuke Hamaguchi, der Regisseur, war in Deutschland bis vor kurzem ein Unbekannter. Dann gewann sein „Glücksrad“ den Grossen Jurypreis der Berlinale des vergangenen Jahres, und wenig später lief sein nächster Film „Drive My Car“ im Wettbewerb der Festivals von Cannes. Dass die Filme jetzt in umgekehrter Reihenfolge bei uns ins Kino kommen („Drive My Car“ lief Ende Dezember an), hat seine Vaiguillee, denn so kann man Ryusuke Hamaguchis Kinokosmos sozusagen im Großen und im Kleinen betrachten.

Die Themen, die er in „Drive My Car“ durchspielt – Erinnerungen, Wünsche, Schuldgefühle, Begehren und Betrug, die Rückkehr an den Ort der Kindheit, die Angst vor der Leere des Lebens –, kommen auch im „Glücksrad“ vor, nur stärker sortert, zu Skizzen geballt, mit scharfem Strich gezeichnet. Der Kern der Novelle, hat Kleist geschrieben, ist das „unerhörte“, das undenkbare, unwahrscheinliche Ereignis. Die Stadt Tokio hat etwa zehn Millionen Einwohner; wie wahrscheinlich ist es, dass Tsugumi den Exfreund von Meiko kennenlernt? Und doch geschieht es, so wie es im Leben immer wieder passiert.

Worte können ins Verderben stürzen

Dabei ist „Das Glücksrad“ alles andere als ein Ereignisfilm. Im Grunde besteht er fast nur aus Dialogen: zwei Freundinnen im Taxi, eine Frau und ihr Exfreund, ein Liebespaar, ein Professor und seine Exstudentin. Die Dramen, von denen zwischen ihnen die Rede ist, haben schon stattgefunden, oder sie ereignen sich kurz danach: Trennungen, Skandale, Karriereknicke. Nur manchmal, wie in der zweiten Episode, öffnet sich der Vorhang der Geschichte, und man sieht einen jungen Mann auf dem Boden vor seinem Lehrer knien, der ihn durch die Prüfung hat fallen lassen. Fünf Monate später sitzt die Geliebte des gescheiterten Studenten im Büro des Professors, um ihm eine Falle zu stellen.

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