Der Dokumentarfilm „Riotsville, USA“ von Sierra Pettengill

Der Dokumentarfilm „Riotsville, USA“ von Sierra Pettengill
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„Klempner“ steht an einer Fassade, „Schnapsladen“ an einer anderen. Bunt gestrichen stehen sie nebeneinander, auf den ersten Blick wie auf einer kleinstädtischen Straße, auf den zweiten wie in einer altmodischen Filmkulisse. Der Motor eines Hubschraubers ist zu hören, dann laufen einige Demonstranten die Straße entlang, ein roter Nebel liegt in der Luft. Schließlich springen Soldaten aus Jeeps, sie gehen auf die Protestierenden zu, nehmen einige fest. Schwenk auf Ränge, die aussehen wie am Rande einer Rennstrecke: mit Fahnen geschmückt, voll besetzt. Im Publikum vor allem Uniformierte: Sie lachen und klatschen.

„Was sehen wir hier, was sagen uns diese Bilder heute?“, fragt eine Frauenstimme aus dem Off. Die Szenen stammen aus dem Film „Riotsville, USA“ von Sierra Pettengill, der zuerst beim Sundance Festival lief und nun mit Magnolia Pictures einen internationalen Verleih fand. „Krawallstadt“ hießen Attrappenstädte, die das amerikanische Militär in den Sechzigerjahren baute. Trainiert wurde der Kampf gegen Aufständische in den Städten – gegen Kriegsgegner, Afroamerikaner, Arme. Das Jahrzehnt war geprägt von politischer Gewalt: Beim „Ole Miss Riot“ 1962 etwa protestierten Weiße in Mississippi gegen die Integration der Universitäten, zwei Menschen starben und dreihundert wurden verletzt. In Los Angeles kosteten die schwarzen Watts-Aufstände 1965 34 Menschen das Leben. Wie in Kalifornien waren Polizeigewalt, Rassismus und die Perspektivlosigkeit in den ärmsten Nachbarschaften Gründe für Hunderte weitere Unruhen im ganzen Land – allein 1967 gab es rund 160 solcher Aufstände. Auch nach dem Mord an Martin Luther King im Jahr darauf brachen in über hundert Städten gewaltsame Proteste aus, auf die die Polizei und die Nationalgarde brutal reagierten.

Verelendung und Perspektivlosigkeit

Bei Archiivrecherchen stieß Filmemacherin Pettengill auf die Videos von den Trainings dafür, auf die prügelnden Schauspieler und lachenden Generäle auf den Rängen. „Die Bilder waren zu unglaublich, um nichts daraus zu machen“, erinnert sie sich bei der Vorstellung des Films in New York. Dabei hatte die Regierung die Aufnahmen seinerzeit gar nicht geheim gehalten. „Das war alles öffentlich zugänglich, kurze Sequenzen liefen im Fernsehen. Wir wussten das als Gesellschaft, es musste nicht vertuscht werden“, sagt Pettengill. Die Militarisierung des staatlichen Kampfes gegen die Proteste wurde schließlich nicht nur hingenommen – sie war besonders von vielen weißen Bürgern auch gewünscht und ist es bis heute. Die amerikanischen Streitkräfte recyceln längst Kampfmaterial bei den lokalen Polizeien, diese sind ein wichtiger Abnehmer der heimischen Militärindustrie. Kritiker vergleichen das Budget der Polizeien, das etwa 2019 bei 118 Milliarden Dollar lag, häufig mit den Militärausgaben anderer Länder.

Dementsprechend will Pettengills Film nicht nur eine historische Geschichte erzählen, sondern zeigen, wie die Militarisierung des Polizeiapparates und die Uminterpretation des Widerstandes in die Gegenwart reichen. Der Film erinnert aber auch daran, dass Gegengewalt nicht die einzige mögliche Reaktion war und wie der Staat selbst nach Alternativen suchte. Seinerzeit kam die von der Regierung eingesetzte Kerner-Untersuchungskommission zu dem Ergebnis, dass die Gewalt vor allem soziale Ursachen habe. President Lyndon B. Johnson hatte das Gremium aus Politikern, Gewerkschaftern und Polizeivertretern 1967 eingesetzt, der Gouverneur von Illinois, Otto Kerner, leitete es. Der Bericht wurde ein Bestseller. Verelendung und Perspektivlosigkeit hätten ein solches Ausmaß erreicht, dass viele Menschen aus Verzweiflung an den Aufständen teilnähmen, befanden die Autoren. Das „Ghetto“, aus dem die Gewalt komme, sei eine weiße Kreation: „Weiße Institutionen haben es geschaffen, weiße Institutionen erhalten es, und die weiße Gesellschaft befürwortet es“, urteilte die Kommission. Die Weiße privilegierende Sozial-, Bildungs- und Wohnungspolitik halte die tiefe Spaltung der Gesellschaft aufrecht. Dementsprechend fielen die Lösungsvorschläge aus. In einer Deutlichkeit, die auch aus heutiger Perspektive bemerkenswert war, empfahl die Kommission, bei der Sozialpolitik anzusetzen, wenn man die Innenstädte befrieden wolle. Schwarze brauchten die Arbeit, den Wohnraum und die Perspektiven, die Weiße hätten.

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