Degersheimer Klangkünstler wandert nach Thailand aus

Degersheimer Klangkünstler wandert nach Thailand aus
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Degersheim

“Mich hält hier nichts mehr”: Degersheimer Klangkünstler schliesst seinen Thai-Imbiss und kehrt der Schweiz den Rücken

Das Leben hat ihm in den vergangenen Jahren viele Steine ​​in den Weg gelegt. Oliver Lüttin hat sie beiseitegeräumt, daraus Neues entstehen lassen – etwa den gefragten Thai-Imbiss Tics Place. So überrascht es, wenn der Degersheimer Klangkünstler nun die Koffer endgültig packt.

Seit zehn Jahren sind Sutchai und Oliver Lüttin verheiratet – jetzt zieht es die beiden zurück an jenen Ort, an dem sie sich kennen gelernt hatten.

Picture: Andrea Häusler

“Best Thai-Food go Zeiten!” “Top Quality and All Frisch.” “Hammerfeine thailändische Küche, cooles Ambiente.” “Authentische, sehr gute Thai-Küche!” Die Google-Rezensionen für den fahrbaren Thai-Imbiss am Fusse des Wolfensberg lesen sich als Sammelsurium der Superlative.

Dem Degersheimer Klangkünstler, Oliver Lüttin, und seiner thailändischen Frau Sutchai (Tic) ist vor rund einem Jahr trotz oder gerade wegen der Coronapandemie ein gastronomischer Senkrechtstart gelungen. Dabei hatte die unkonventionelle Gaststätte mit Take-away-Angebot und idyllischem Biergarten hinter dem Haus ursprünglich nur einen Zweck: Die Ausfälle der Lockdown-Wochen zu kompensieren – als Familienbetrieb, in dem nebst Gattin Tic auch seine Mutter Loni mitarbeitete und der nur am Wochenende geöffnetende geöffnetende hat. Denn von der Coronaunterstützung für freischaffende Künstler zu leben, war unmöglich.

Bauminstrumente sollen wieder klingen

“Wir konnten der Nachfrage zeitweilig tatsächlich nicht nachkommen”, sagt Oliver Lüttin. Vergangenen Spätsommer erst hatte er die Zufahrt zum Imbisswagen überdacht und ein Drive-in-Angebot geschaffen. Eine funktionierende Infrastruktur, ein erfolgreiches Geschäftsmodell und viel Zukunftspotenzial – dennoch zieht Oliver Lüttin jetzt den Schlussstrich, bricht alle Zelte ab. Er sagt:

“Noch wenige Wochen, dann werden wir in Thailand unser neues Leben beginnen.”

Die Klangarena an der Wolfensbergstrasse hatte in der Vergangenheit viel Publikum nach Degersheim geholt.  Jetzt ist der Raum leer.  Die riesigen Bauminstrumente haben bei Fritz Rutz einen neuen Platz gefunden – als Leihgabe.

Die Klangarena an der Wolfensbergstrasse hatte in der Vergangenheit viel Publikum nach Degersheim geholt. Jetzt ist der Raum leer. Die riesigen Bauminstrumente haben bei Fritz Rutz einen neuen Platz gefunden – als Leihgabe.

Picture: Andrea Häusler

Der Imbisswagen, der seit Dezember ausser Betrieb steht, ist verkauft, das Sitzplatzpodest aus Sequoiaholz zersägt, das Atelier im Erdgeschoss geräumt und die Wohnungen sind renoviert. Die voluminösen Baum-Instrumente haben als Leihgaben beim lokalen Unternehmer Fritz Rutz einen Platz gefunden. “Er beabsichtigt, diese in irgendeiner Form wieder öffentlich zum Klingen zu bringen”, sagt Oliver Lüttin.

Künstler, kein Gastronom

Nach Thailand zurückzukehren, dorthin, wo es ihn nach dem kräftezehrenden Behördenstreit um seine Liegenschaft einst gezogen hatte und wo er seine Frau Tic kennen gelernt hatte, das war schon immer Lüttins Plan. Dass er ihn nun zehn Jahre früher als vorgesehen umsetzt, habe zweierlei Gründe:

“Ich habe Zug um Zug meine Kunst verloren – und vergangenes Jahr auch meine Mutter. Jetzt hält mich hier nichts mehr.”

Der Imbiss sei eine Notlösung gewesen. Zwar sei die Umsetzung der Idee, der Auf- und Ausbau des Konzepts, eine spannende Herausforderung gewesen, sagt Lüttin, doch habe ihn der Betrieb zunehmend gelangweilt. “Ich bin Künstler und nicht dazu gemacht, Stunden hinter einem Herd zu stehen oder in der Küche Gemüse zu schnippeln.”

Treetalks in Kapiteln

Die Wohnungen in seinem Bauernhaus an der Wolfensbergstrasse sind bereits vermietet. Die Mieteinnahmen sollen ihm und seiner Frau das Auskommen in der neuen Heimat sichern. In Udon Thani, knapp 450 Kilometer nordöstlich der thailändischen Hauptstadt Bangkok, dort, wo Tics Familie lebt, stehen die Türen zum neuen Lebensabschnitt bereits offen. Lüttin kann den Tag der Abreise kaum erwarten.

Mit Degersheim, all den ausgestandenen Konflikten, seinem Tanz zwischen freigeistiger Künstlerwelt und rechtsstaatlicher Bürokratie hat er innerlich abgeschlossen, Raum geschaffen für neue Inspiration. Blickt er voraus, sieht sich Oliver Lüttin von Natur umgeben in seinem tropischen Paradiesgarten. Und wenn ihn dann im Sommer die Regenzeit aus der Idylle der thailändischen Natur vertreibt, dann könnte er sich vorstellen, über “Treetalks”, seine singenden Bäume, ein Buch zu schreiben.

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